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Xbox One und Kinect: Auf einmal überflüssig

Date Posted: 19 Mai, 2014
Bild: © Microsoft Corporation

In der vergangenen Woche hat Microsoft bekanntgegeben, dass im Juni eine Version der Xbox ohne Kinect in den Handel kommt. Die neueste Version der Kamera, welche Sprach- sowie Bewegungssteuerung unterstützt, war zu Beginn der Außen-Kommunikation als integraler Bestandteil der neuen Konsole vorgestellt worden. Sie war außerdem der Hauptgrund, dass die Xbox One bis zuletzt 100,- teurer war, als Sonys PlayStation 4. Während die PS4 auch sieben Monate nach Markteinführung noch immer ständig ausverkauft ist, entstand bei der Xbox anfangs der Eindruck, einen Ladenhüter produziert zu haben.

Ohne Kinect geht nichts

Als die neue Konsole im Mai 2013 vorgestellt wurde, war die Vision Microsofts wie folgt: Es war das eine Gerät, welches das Wohnzimmer der Zukunft dominieren sollte: Filme und Fernsehen, Sport, Musik, Skype – und natürlich Spiele! Im Gegensatz zu Sony, die bis dahin nur den Controller gezeigt hatten, stellte Microsoft direkt das komplette „All-in-One“ Paket vor. In den Wochen bis zur E3 zog ein Shitstorm über das System des Software-Giganten hinweg – angefacht vor allem durch ungünstige und sich widersprechende Kommunikation der Xbox-Führungsriege.

Die Konsole sollte ständig online sein, Kinect müsse ebenfalls zu jeder Zeit eingeschaltet sein und auch dem Handel mit Gebrauchtspielen sollte zunehmend Einhalt geboten werden. Microsoft schien so von den Neuerungen überzeugt zu sein, dass sie keinen der Schritte wirklich begründeten. Man sprach von „Familiy Sharing“, dem Verleihen digitaler Spiele, doch konkretisierte diese Idee nie. Auch die stetige Verbindung mit dem Internet war angeblich für das Funktionieren der Konsole notwendig – der Grund: DRM-Maßnahmen. Die Aussagen vom damaligen Creative Director Adam Orth auf Twitter, die mit dem Hashtag #dealwithit endeten, brachten das Fass zum Überlaufen und die Kommunikations-Krise auf den Höhepunkt. Und Kinect? Auch die Kamera sollte ständig laufen, immer „lauschen“ ob ein neuer Befehl ausgesprochen wurde. In Zeiten von Überwachungsskandalen wahrlich keine positiv belegter Begriff.

Die Kommunikations-Kehrtwende

Die erste Kehrtwende kam direkt nach der E3. Man habe auf die Fans gehört und den Online-Zwang aufgehoben. Auch der uneingeschränkten Nutzung von Gebrauchtspielen stand nichts mehr im Weg. Ein paar Monate später dann der nächste Schritt: Nutzer konnten nun selbst entscheiden, ob Kinect eingeschaltet sein soll. Von nun an teilten sich die Meinungen: Die eine Seite nahm Microsoft den ursprünglichen Standpunkt weiterhin übel, die andere Seite bemängelte, dass das Unternehmen unter dem Druck eingeknickt sei und so von der ursprünglichen Vision abgelassen hatte.

Nach dem Launch beider Plattformen war es die PlayStation, die die positiven Schlagzeilen dominierte und immer wieder neue Verkaufsrekorde aufstellte. Die Unterschiede zwischen den Leistungsfähigkeiten von PS4 und Xbox One sind marginal – der Preisunterschied war es für viele dagegen nicht. Hinzu kam, dass Microsoft kaum Gründe kommunizierte, was Kinect 2.0 denn so besonders machte. Es gab zum Start keine Kinect-exklusiven Spiele und auch in den Präsentationen durften lediglich die Sprachbefehle bestaunt werden.

Kinect? Kann weg!

Die ursprüngliche Präsentation ist nunmehr über ein Jahr her, die Wahrnehmung von Kinect hat sich seitdem kaum geändert. Seit Veröffentlichung der neuen Konsolen läuft Microsoft Sonys Verkaufszahlen hinterher und der 100-Euro-Unterschied scheint mehr denn je für die PS4 und gegen Xbox One zu sprechen. Dass Microsoft nun ankündigte, die Xbox One ab Juni auch ohne Kinect zu verkaufen, scheint wie das Ziehen der Notbremse und gleichzeitig wie der nächste Schritt weg von den eigenen Visionen. Wurde Ende des letzten Jahres noch beschworen, dass Xbox One und Kinect nicht zu trennen seien, ist davon jetzt keine Rede mehr – im Gegenteil – der Wegfall der Kamera wird den Spielern nun als Stärkung der Leistung der Konsole verkauft. Zusammen mit den Veränderungen der Einschränkungen der Gold-Mitgliedschaften, trägt dieser Kurswechsel die Handschrift von Phil Spencer, der erst vor kurzem zum Xbox-Chef ernannt wurde.

Mit dem ständigen Hin und Her hat sich Microsoft keinen Gefallen getan. Eine klare Kommunikation der Ziele und Entwicklungen hätte hier im Endeffekt mehr geholfen, als plötzliche Änderungen und Anpassungen der kompletten Vision. Spieler wollen überzeugt werden, gerade wenn es um neue Technik geht. Überzeugungsarbeit und Vertrauensaufbau hat Microsoft nun über Bord geworfen und lockt mit einer Preisreduzierung. Die Nutzer, die sich die Konsole bereits zum Launch gekauft haben, dürften sich jedenfalls vor den Kopf gestoßen fühlen: Die Hoffnung, dass es in Zukunft Kinect-fokussierte Software gibt, die über schlichte Sprachbefehle oder Fitnessspielerein hinausgeht, wird damit immer geringer. Vor allem stellt sich die Frage, was der ursprüngliche Plan für Kinect war. Dass von der Vision, die im Mai 2013 präsentiert wurde, nichts mehr übrig geblieben ist, mag von Microsoft als Fan-Service kommuniziert werden, der bittere Nachgeschmack bleibt dennoch. Denn: Es ist unklarer als je zuvor, wo die Xbox One am Ende hin möchte. Sony dagegen hat sich mit der Aussicht auf PlaystationNow und der Geradlinigkeit in der Kommunikation das Vertrauen der Spieler erarbeitet.

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