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Wie Twitter das TV-Verhalten bestimmt

Date Posted: 12 August, 2013
Twitter
© inthes­kies — Fotolia.com

Lange vor Twitter…Erinnert sich noch jemand an „Einer wird gewinnen“, „Dalli Dalli“ oder „Am laufenden Band“? Das waren grandiose Fernsehformate der 70er Jahre, bei denen die gesamte Familie vereint vorm TV-Gerät saß. Sogenannte Straßenfeger, die einfach jeder angeschaut hat. Und damals hat wirklich jeder nur in den Fernseher geschaut. Das war einmal.

Ich hocke inzwischen immer öfter mit iPad und/oder iPhone vor der Flachbild-Glotze und verfolge vor allem Social-Media-Kanäle wie Twitter oder Facebook, während die Flimmerkiste läuft. Das reine Konsumieren von TV-Inhalten war gestern. Heutzutage muss alles kommentiert, bewertet und anscheinend vor allem auch verspottet werden: „Wenn das so weitergeht, runiert Markus Lanz Wetten, dass…?“ oder „Habe ich gleich gewusst, dass der Kandidat von Schlag den Raab beim Kloschüsselrennen keine Chance hat“. Aus braven, stummen Konsumenten von einst sind mitteilungsbedürftige Kommentatoren, Richter und im schlimmsten Fall auch mediale Henker geworden. Ob ein TV-Format scheitert, sieht man inzwischen schon lange vor dem Eintreffen der Einschaltquoten.

Ungeahnte Wechselwirkung

Eine aktuelle Untersuchung des Marktforschungs-Unternehmens Nielsen zeigt nun eine neue, interessante Entwicklung bei der Wechselwirkung zwischen sozialen, neuen Medien und klassischen Medien auf. Grundlage der Studie war die Frage, ob TV-Sehgewohnheiten die Twitter-Nutzung beeinflussen und ob im Gegenzug die Nutzung von Twitter die TV-Sehgewohnheit beeinflusst. Die Antwort lautet in beiden Fällen: ja.

Die Studie belegt, dass hohe Einschaltquoten bei 48% der untersuchten Sendungen zu einem signifikant höheren Traffic zu den entsprechenden Themen auf Twitter führen.

Umgekehrt sorgte ein hohes Tweet-Aufkommen zu bestimmten TV-Inhalten bei 29% der Sendungen zu einer erhöhten Einschaltquote. In diesen Kontext passt auch der Trend zum Second Screen. Der Begriff beschreibt die Nutzung eines zweiten Bildschirms neben dem TV. Laut einer aktuellen Viacom-Studie steht beim Second Screen vor allem die Informationsgewinnung über die konsumierten Inhalte im Mittelpunkt. Auf Platz zwei folgt der Gemeinschaftsaspekt, der vor allem den hohen Wert von „Likes“ und „Followern“ verdeutlicht. Demnach waren 75% der Personen eher interessiert, sich die Sendung auch anzuschauen, wenn sie diese vorher „liken“ oder ihr „folgen“. In einem früheren Beitrag haben wir auf diesem Blog über das Thema Second Screen berichtet.

Dynamisch und hochgradig kreativ

Dass beliebte, vielgesehene TV-Inhalte das Twitter-Verhalten beeinflussen, kenne ich persönlich vom Tatort. Wenn ich sonntags um 20.30 Uhr meine Twitter-Timeline checke, besteht die Hälfte der Tweets aus Kritik und/oder Gags zum gerade laufenden ARD-Krimi. Da wird munter über den Täter spekuliert („der Kioskbesitzer!“) oder die Garderobe oder der Dialekt des Schauspielers genüsslich durch den Kakao gezogen. Noch nie wurden mir so schnell so viele Logiklöcher in einer Story erklärt wie zur Tatort-Zeit auf Twitter. Ähnlich ist es bei sportlichen Großereignissen. Ich bin Freund von Hannover 96 und damit kein FC-Bayern-Fan. Nichts ist schöner, als sich während einer Live-Übertragung mit den Anhängern des FCB einen verbalen Schlagabtausch zu liefern. Das ist dynamisch, oftmals extrem kreativ und einfach sehr spaßig. Was habe ich bloß vor zehn Jahren vor dem Fernseher gemacht? Nur ferngesehen? Heute ein schon fast absurder Gedanke.

Chancen und Gefahren

Überraschend finde ich, dass bei immerhin fast einem Drittel der untersuchten Fälle eine Tweet-Flut zu einer Sendung dazu führt, dass die Leute diese Sendung einschalten. Das ist bei mir persönlich eigentlich nie der Fall. Es kommt ab und zu vor, dass ich eine Sendung verpassen würde, wenn mich meine Twitter-Timeline nicht an diese Show oder dieses Fußballspiel „erinnern“ würde. Noch aber richte ich meinen TV-Konsum nicht nach meinen sozialen Netzwerken aus. Mal sehen, ob sich das in Zukunft auch ändern wird. Die Untersuchung zeigt, dass Fernseh-Anstalten und Sender durch die richtige Ansprache und strategisch kluge Aktionen im Social-Media-Bereich die Chance haben, User zu Zuschauern zu machen.

Auch für Unternehmen außerhalb des TV-Segments liegen in diesen Großereignissen goldene Social-Media-Schätze verborgen: Wer zur richtigen Zeit über den richtigen Kanal mit den richtigen Schlagworten den royalen Nachwuchs, die Fußball-WM oder die Papstwahl entsprechend begleitet, gewinnt viele neue Fans und Follower und positioniert sich mit einem zeitgemäßen, positiven Image. Wer weiß: Vielleicht kaufen Global Player im Bereich Internet / Social Media zukünftig nicht mehr nur Zeitungen, sondern TV-Sender. Dann könnten sie theoretisch nur Inhalte auf ihren sozialen Kanälen stattfinden lassen, die für ihren TV-Sender wirtschaftlich wichtig sind. Schöne neue Welt? Da gucke ich dann doch lieber wieder „Dalli Dalli“. Auf VHS-Kassetten.

 

 

 

 

 

 

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