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Hurra, wir leben noch!

Date Posted: 21 Dezember, 2012

WeltuntergangIch gestehe: Die Datumsgrenze habe ich verschlafen. Als ich heute Morgen aufwachte, hab ich mich erst einmal umgesehen. Aha, dachte ich, keine Harfen, keine Engel – der Himmel ist das nicht. Also muss ich noch leben. Ein Blick aus dem Fenster zeigte: der Rest da draußen auch. Nirgendwo schlurften Zombies umher, im Garten stand kein UFO – ja nicht mal Godzilla attackierte Krefeld. Aber noch ist die ganze Show ja nicht vorbei. Bis 0 Uhr müssen wir noch durchhalten. Ich kann aber schon Entwarnung geben: Die Neuseeländer haben es schon geschafft. Dort ist schon der 22. Dezember – und die Hobbit-Insel steht noch. Eines macht mir allerdings Sorgen: Der Papst hat noch nichts über den Jüngsten Tag getwittert. Benedikt XVI. kritisierte heute im Vatikan bloß das sich verwässernde Familienbild.

Bis Mitternacht bleiben noch ein paar Stunden, um den ganzen Trubel rund um diesen ominösen letzten Tag Revue passieren zu lassen. Denn für die Kommunikations- und Medien-Branche war das ganze „Mayageddon“ (BILD samt Live-Ticker) ein echter Segen. Vor allem das Privatfernsehen sendete eine Dokumentation über Weltuntergangsszenarien nach der anderen. Samt Apokalypsen-Filmchen. Top-Quoten! Nicht wenige Menschen ließen sich von diesem wohligen Schauer mitreißen. Wie kann das sein? Müssten nicht alle Todesangst haben? Nein. Erstaunlicherweise haben die meisten Menschen Spaß an diesen Weltuntergangsszenarien. Diese Mischung aus medialer Fiktion und dem Restrisiko, es könnte ja doch irgendwas passieren, war perfekt, um Radiomoderatoren davon abzuhalten, 24 Stunden lang über Weihnachten zu quasseln. Es war perfekt, um gefühlte eine Millionen Armageddon-Countdowns in sozialen Netzwerken zu starten. Perfekt, um einigen Multi-Milliardären überflüssige Millionen für Luxus-Bunker aus den Taschen zu ziehen. Perfekt für coole Werbung. Und verrückte Top-Listen. Ob das nun Weltuntergangsbücher – oder Games waren – egal. Er war perfekt für Smalltalk. Auch ich ermittelte beiden Kollegen zwischendurch: „Fragt euch mal kritisch, warum Aliens gerade euch am 21. Dezember von der dahinscheidenden Erde retten sollten.“ Statt Antworten erntete ich viele Lacher. Und genau das ist doch klasse: Die Apokalypse sorgt für gute Stimmung. Selbst Spiegel Online macht sich aus dem heutigen Tage ein Spaß.

Doch schon sind neue Propheten auf den sozialen Netzwerken unterwegs. Die einen behaupten, der wahre Weltuntergang würde an jenem Tag stattfinden, an dem Schalke Meister würde – also nie. Andere glauben zu wissen, dass der Weltuntergang tatsächlich stattfinden sollte, aber Chuck Norris etwas dagegen gehabt hätte. Irgendwie auch doof, dass der Weltuntergang von Donnerstag auf Freitag Wirklichkeit werden sollte. Ich hätte eine tolle Party-Idee gehabt. Aber wenn dann doch noch viele freitags arbeiten müssen. Obwohl ich folgenden Dialog dann doch absurd fände:

„Gehst du heute auf die Apokalypse-Party?“

„Nein, muss morgen arbeiten.“

Der Weltuntergang blieb aus – und noch immer keine Geschenke.

Ich denke aber, der wahre Weltuntergang wird am 22. oder am 23. Dezember stattfinden. Denn nun werden all jene panisch werden, die jetzt realisieren, dass Weihnachten doch stattfindet. Immer noch keine Geschenke. Da folgt die wahre Shopping-Apokalypse in deutschen Fußgängerzonen. Zudem: Die Schwiegermutter kommt doch. Fünf Kilo mehr auf den Hüften und gute Vorsätze für 2013 schüttelt man ja auch nicht mal eben ab. Wohl denen, die in Erwartung auf das Ende dem Chef am 20. Dezember um 23.55 Uhr nach zwei Flaschen Wein keine Schmähnachricht auf die Mailbox lallten.

In diesem Sinne vermelde ich aus Krefeld: Hurra, wir leben noch! Frohe Weihnachten!

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