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Twitter holt den WM-Titel

Date Posted: 15 Juli, 2014
Bild: © christophe papke - Fotolia.com
Bild: © christophe papke – Fotolia.com

Aus! Aus! Aus! Das Spiel ist aus! Deutschland ist Weltmeister! Was für eine WM. Ein Turnier voller Rekorde – nicht nur aus sportlicher Sicht. In den sozialen Netzwerken gab es die letzten Wochen praktisch nur noch ein Thema. Mit 35,6 Millionen Tweets wurde Deutschlands Halbfinale gegen Brasilien weltweit so heiß diskutiert wie kein Sportevent zuvor. Selbst das Finale toppte diese Bestmarke nicht. Twitter verzeichnete aber nach Abpfiff des Endspiels 618.725 Tweets pro Minute und schnappte sich damit einen weiteren Rekord. Auf Facebook waren während des Final-Spiels erstaunliche 88 Millionen Menschen aktiv, die es auf über 280 Millionen soziale Interaktionen brachten. Weil dort aber häufig auch alte Beiträge angezeigt wurden, wurde Twitter immer relevanter in Sachen Aktualität.

Netz macht bekannt

Viel Prominenz meldete sich im Verlaufe des Turniers zu Wort – in Form von 140 Zeichen. Nachrichten-Medien zitierten Tweets von Experten wie Felix Magath, Gary Lineker oder Pele. Der verletzte Marco Reus fieberte fast minütlich gemeinsam mit seinen Followern mit. Sängerin Rihanna teilte ihre Begeisterung für das DFB-Team so intensiv, dass sie am Ende sogar auf der After-Show-Party im Hotel mit den Siegern feiern durfte. Bei hoher Social-Media-Betriebsamkeit durften Shitstorms natürlich auch nicht fehlen. Der malaysische Politiker Bung Mokhtar Radin zum Beispiel jubelte zum DFB-Sieg über Brasilien für Hitler, und US-Kolumnistin Ann Coulter äußerte ihre Angst, Fußballbegeisterung zerstöre die amerikanische Gesellschaft von innen.

Netz-Kultprofi Hans Sarpei brachte es wenige Tage vor dem Finale mit seinem Tweet auf den Punkt: „BRAGER war ARGNED. Auch wenn es BRANED gefällt und es jetzt ARGGER gibt.“ Hashtags waren vor allem in der Online-Berichterstattung nicht wegzudenken. Mit #wirfuer4 oder #aneurerseite konnte schon lange vor dem Turnier Solidarität für das Löw-Team bekundet werden. Mit den Hashtags #ArmsWideOpen und #GER konnten Twitter-Nutzer dafür sorgen, dass die Christusstatue in Rio De Janeiro in Schwarz-Rot-Gold erleuchtet wurde. Hashflags feierten ihr Comeback: Die Länderflaggen, in Form eines Hashtags aus Länderkürzeln, wurden schon bei der WM 2010 von Twitter zur Verfügung gestellt und nun wieder aktiviert. Das machte so manchen Tweet deutlich bunter. Fazit: Twitter und Facebook leisteten sich einen sportlichen Zweikampf mit Social-Media-Rekorden auf beiden Seiten, aber in der Verlängerung siegte Twitter 1:0 – ein Weltmeisterergebnis eben.

Technik wichtig – nicht nur am Ball

Der Netzgemeinde boten sich aber auch viele Themen zur Diskussion. So wurde bei dieser WM zum Beispiel die umstrittene Torlinientechnik „GoalControl“ des gleichnamigen Herstellers eingeführt. Dabei handelt es sich um kamerabasierte Positionsbestimmung des Balls durch 14 Kameras, von denen jeweils sieben auf ein Tor gerichtet sind. Alle Blickwinkel sind somit abgedeckt und berechnen, ob der Ball die Torlinie komplett überschritten hat oder nicht. Fußballromantiker kritisierten die neue Technik und vertrauten lieber den menschlichen Instinkten der Schiedsrichter. Doch diese Technik brachte den Zuschauern auch sieben neue Kamera-Perspektiven, richtige Spielentscheidungen und witzige Momente – nämlich dann wenn selbst völlig offensichtliche Tore durch GoalControl offiziell bestätigt wurden.

Karriereschub durch WM und Social Media

Die WM war allgegenwärtig. Selbst Online-Gamer pausierten für das Spektakel, wie im Falle Titanfall, wo während der Spiele die Anzahl eingeloggter Spieler deutlich sank. Ob das auch bei Spielen mit Frauen als Haupt-Zielgruppe der Fall war, ist nicht bekannt. Fakt ist: Frauen sind – auch dank Social Media – ein weiterer Gewinner des Turniers. Die deutsche Männerwelt staunte nicht schlecht über Mexikos Moderatorin Vanessa Huppenkothen, die mittlerweile mehr als 700.000 Follower auf Twitter hat. Die 17-jährige Axelle Despiegelaere stieg noch während des Turniers vom Belgien-Fan zum L’Oreal-Gesicht auf. Als aber ein Jagd-Foto auftauchte auf dem sie vor einer toten Antilope posierte, wurde ihr Vertrag wieder gekündigt. Ein Paradebeispiel dafür, wie das Internet im Eiltempo Karrieren aufbauen und zerstören kann. Auch die Spielerfrauen nutzten ihre Chance auf Rampenlicht, wie zum Beispiel Mats Hummels‘ Freundin Cathy als Kolumnistin oder Models wie Lena Gehrke und Ann-Kathrin Vida.

Duell der Großen

Hohe Klickzahlen und Medienpräsenz lassen Unternehmer-Herzen höher schlagen. Zwischen Adidas und Nike entstand während der WM ein regelrechter Wettkampf im Netz. Nike, offizieller Ausrüster des Gastgebers gegen Adidas, den offiziellen Ausrüster der FIFA. Aber auch: Messi (70 Mio. Facebook-Likes, Adidas) gegen Ronaldo (90 Mio. Facebook-Likes, Nike). Was sie dafür von den Sportartikelherstellern bekommen, darüber schweigt man sich von offizieller Seite aus. Nikes PR-Video „Winner Stays” wurde fast 88 Millionen Mal im Netz angeklickt, „Messi’s Dream” von Adidas 38 Millionen Mal. Dafür hat „Brazuca“, der offizielle WM-Spielball – von Adidas gesponsert – fast 4 Millionen Follower auf Twitter.

Lustig war‘s

Diese WM hat Spaß gemacht, auch dank Twitter und Co. Was wären „Beißer“ Suarez und der „fliegende Holländer“ van Persie ohne die vielen kreativen Meme-Versionen im Netz? Wer hätte ohne YouTube die Riesenheuschrecke auf James Rodriguez‘ Arm bemerkt? Die kauzige Art und Weise mit der das öffentlich-rechtliche Fernsehen in seinen Sendungen Tweets zitierte, hatte auch seinen ganz eigenen Charme und Unterhaltungswert. Und wer den YouTube-Hit „Mertesacker Emptiness“ noch nicht kennt, der sollte ihn sich definitiv noch anhören. Sad Brazilians, Freistoß-Spray, Eistonne – diese WM war einzigartig, bunt und spannend. Für Deutschland und die sozialen Medien hatte sie zudem ein Happy End. Deshalb schließe ich diesen Beitrag auch mit DER Frage des Turniers ab: „Wat wolln‘ se jetzt“? Antwort: „Genau das.“

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