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Stillstand am Mainzer Hauptbahnhof, rege Kommunikation in der Republik

Date Posted: 16 August, 2013
Bild: © Petair - Fotolia.com
Das Gegenteil dessen, was in Mainz passiert. Die Bahnen fahren.
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Jeder, der in der Kommunikationsbranche arbeitet, weiß: Um zu kommunizieren, braucht’s einen Anlass. In Mainz existiert aktuell ziemlich großes Exemplar davon. Für wen? Gewerkschaft, Bahn und die Politik. Wie die einzelnen Parteien kommunizieren und vor allem was – das habe ich mir in den letzten Tagen genau angesehen. Zunächst bewerten wir die Sache einmal: Der Nachrichtenwert des völligen Verkehrsstillstands ist riesig: Vom Spiegel bis zur Satirezeitschrift Titanic – alle berichten. Die ganze Situation ist derart kurios, dass der erfahrene Kommunikationsmensch Lunte riecht: Sind die Probleme am Mainzer Hauptbahnhof vielleicht gar nicht ganz ungesteuert entstanden? Ist das eine Unterstellung? Eine kühne Theorie? Vielleicht. Aber sicher nicht unmöglich.

Die Fakten kommunizieren für sich

Zu den Fakten. Am Mainzer Hauptbahnhof herrscht das Chaos. Züge können nicht mehr halten oder werden umgeleitet, Regionalzüge fahren nur noch im Stundentakt. Tausende von Pendlern aus dem ganzen Rhein-Main-Gebiet können nicht mehr pünktlich oder gar nicht zur Arbeit kommen. Schuld an der Misere: vordergründig,  dass fast die Hälfte der 15 Fahrdienstleiter im Mainzer Stellwerk im Urlaub oder krank sind. Dieser Umstand hat aber nicht nur Auswirkungen für die Mainzer und das nahe Umland, sondern netzweite Folgen im Personenfern- und im Güterverkehr. Natürlich sind alle, die es direkt betrifft, aufgebracht. Alle, die es peripher betrifft, regen sich entweder über die störrischen Urlauber auf oder wettern gegen den fiesen Sparkurs der Bahn, der in den letzten Jahren durchgeprügelt wurde. Hintergründig aber wird das Problem für regelrechte Kommunikationsoffensiven genutzt.

Gewerkschaften reiben sich die Hände

Bei Personalproblemen, die derart offensiv in die Medien geraten, reiben sich Gewerkschaften die Hände. Auch Menschen, die schon immer wussten, dass es kein guter Zug war, die Bahn zu privatisieren, melden sich lautstark zu Wort. DB-Netz-Vorstandschef Frank Sennhenn weist darauf hin, dass die Probleme in Mainz kein Einzelfall sind. Die Personaldecke sei einfach zu dünn. Bundesweit! Über fehlendes Personal lamentiert die Bahn schon lange. Nun bekommt sie durch die Medien genügend Aufmerksamkeit, um das Thema überall platzieren zu können. Die Lösung des Problems sieht Sennhenn in der Einstellung neuer Mitarbeiter. Von 600 neuen Bahnangestellten ist da die Rede. Die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) ist ebenfalls für eine Stärkung der Personaldecke.

Faktor Bundestagswahl

Wäre da noch die Bundestagswahl: Peer Steinbrück beklagt lauthals die falsche Personalpolitik der Deutschen Bahn und beantragt eine Sondersitzung des Bundestags-Verkehrsausschusses.  Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer weißt aber jegliche Schuld zurück und schiebt sie wiederum Peer Steinbrück in die Schuhe – dieser hätte zu seiner Zeit als Bundesfinanzminister die Privatisierung des Konzerns vorangetrieben und dabei auf Personalkürzungen gesetzt, die sich jetzt bemerkbar machen würden.  Die Grünen betreiben auch Agenda-Surfing und verlangen eine bessere Entschädigung der Fahrgäste. Hurra! Letztlich wollen natürlich alle Beteiligten nur das Beste für Mitarbeiter und Fahrgäste. Aber was bedeutet das am Ende? Ich vermute erneut teurere Fahrpreise.

 

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