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re:publica 2014 – Überwachung und ungewöhnliche Freiheitskämpfer

Date Posted: 9 Mai, 2014
© DAVIDS/Gregor Fischer, 06.05.2014

Unter dem Motto „Into the Wild“ fand in den vergangenen Tagen die Digital-Konferenz re:publica in Berlin statt. Die nunmehr achte Veranstaltung versuchte den, durch die Enthüllungen Edward Snowdens entstandenen, Spähskandal zu verarbeiten. Man suchte eine ungezähmte Netzkultur und nach Wegen bisherige Strukturen aufzulösen – weg vom gläsernen User und hin zu einem freien, unkontrollierten Netz. Auf 18 Bühnen fanden vom 6. – 8. Mai 350 Sessions statt – wie immer geführt von engagierten Bloggern, sowie darüber hinaus bekannten Sprechern wie Sascha Lobo, Yvonne Hofstetter, Evgeny Morozov, The Yes Men und nicht zuletzt dem digitalen Freiheitsaktivisten David Hasselhoff.

Am Ende sangen sie doch

Das fragwürdigste Highlight – zumindest aus Sicht der eigentlichen Thematik der Veranstaltung – war sicherlich der Vortrag der weltberühmten roten Badehose, kurz  „the Hoff“. Dieser fand im Rahmen einer Werbeveranstaltung des Anti-Viren-Programm-Herstellers F-Secure statt. Den Schaden unfreiwillig veröffentlichter, persönlicher Daten hatte Hasselhoff tatsächlich vor einigen Jahren am eigenen Leib gespürt, als ein Video ins Internet gelang, in dem er betrunken versuchte einen Cheeseburger zu essen. Ernst genommen wurde der ehemalige Schauspieler aus „Baywatch“ und „Knight Rider“ allerdings nicht. Während er der Menge den Wert der Privatsphäre im digitalen Zeitalter näher bringen wollte, verließen Hunderte den Saal. Am Ende stimmten die restlichen Zuhörer noch „I’ve Been Looking for Freedom“ an und Hasselhoff sang doch.

Geht man nach den Aussagen der Veranstalter, wehrte man sich lange dagegen Hasselhoff auftreten zu lassen, entschied sich aber letztendlich dafür – ob das allerdings eine richtige Entscheidung war, darf bezweifelt werden. Dass die re:publica seit Jahren eine wichtige Konferenz ist, steht außer Frage, wenn allerdings der Beitrag, über den am prominentesten berichtet wird, ein Werbevortrag ist und von einem Schauspieler kommt, der mit der Netzgemeinde und der Sicherheit im Netz nichts am Hut hat, darf man an diesem Konzept und an der Einschätzung der Medien durchaus Zweifel erheben.

Die verbale Ohrfeige

In eine andere Kerbe schlug derweil Sascha Lobo, der den Netzaktivisten ordentlich den Kopf wusch. Lobo warf der Netzgemeinde vor, im Hinblick auf den Überwachungsskandal versagt zu haben. Die Netzgemeinde sei schnell dabei Online-Petitionen zu unterschreiben, Likes und Retweeets zu teilen, doch am Ende nichts zu bewegen. Es müsse mehr Lobbyarbeit geleistet werden und diese sei nicht kostenlos. Er forderte die Zuhörerschaft dazu auf, sich auf allen Ebenen politisch und finanziell zu engagieren und ihrem Protest nicht nur mit wütenden Tweets und Blogposts Dampf abzulassen, um dann zur Tagesordnung zurückzukehren. Einen ersten Schritt in diese Richtung wollte er selber tun und sicherte sich die Domains netzgemeinde.de und internetministerium.de.

Schaut man sich im Netz um, sind es diese beiden Vorträge, die die Berichterstattung dominieren und die unterschiedlicher nicht sein könnten und doch wurden beide mit großem Applaus verabschiedetet. Womöglich zeigt sich hier schon das Spektrum der Themen, das  eine Definition von „Netzgemeinde“ überhaupt so schwierig macht. Lobos Rede bot einen interessanten Ansatz, wollte aber so gar nicht zum Motto der Veranstaltung passen. Ein wildes, rohes Internet und finanzierte, gezielte Lobby-Arbeit für die Freiheit im Internet passen so gar nicht zusammen. Das zeigt mir vor allem, dass noch kein Konsens gefunden werden konnte. Ich bin Optimistin und hoffe, dass hier kein Vakuum entsteht, sondern nach der re:publica neue Ansätze gefunden werden könnten. Das Potential hätten die Themen allemal. Bleiben wir doch einfach wild: „Into the Wild“ eben.

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