News & views

Quantified Self – ein neuer Riesen-Markt

Date Posted: 5 April, 2013

Kommendes Wochenende werde ich meinen 100. Lauf starten. In den bisherigen 99 Läufen habe ich 46.641 Kilokalorien verbraucht und bin 617,2 Kilometer gerannt. Woher ich das so genau weiß? Ich gestehe es: Ich vermesse mich selbst. Ich nutze Apps, um zu dokumentieren und zu analysieren, wie weit, wie schnell und wie intensiv ich laufe. Lasse ich mein iPhone samt „Nike+“-Running-App zuhause, komme ich mir nackt vor. Nein, das Ding muss mit. Damit bin ich Teil eines Trends namens „Quantified Self“, der so neu gar nicht ist, aber dennoch zumindest hierzulande irgendwie noch in den Kinderschuhen steckt. Doch im Sommer 2013 soll es richtig losgehen – und könnte unheimliche Formen annehmen.

Dass ich auch mit „Sleep Cycle“ meinen Schlaf vermesse, war anfangs nur ein Spaß. Doch als ich letztes Wochenende laut App 100 % Schlafqualität erreicht habe, fühlte ich mich direkt fitter. Einbildung? Vielleicht. Meine Gewichte im Fitnessstudio dokumentiere ich jedenfalls weiterhin mit Apps wie „Gym Hero“. Mit den Kalorien-Apps hab‘ ich es auch probiert. Freunde wurden wir allerdings nie – die Mampf-weniger-Apps und mein gesunder Appetit konnten sich nicht einigen. Dasselbe Spiel wie mit Excel-Tabellen oder Trainingstagebüchern davor. Da sind mir die Apps einfach lieber. Wie auch Marcel-Philippe Rütschlin, den Spiegel Online besuchte.

Quantified Self – Armbänder und Apps

Selbstvermessung per Nike+: Gerade Sport-Apps sind sehr beliebt. Ein ständiger Lauf gegen sich selbst.
Bild: wildcard

Geht es aber nach Herstellern wie Jawbone, soll ein kleines Armband alle diese Vermessungsaktivitäten kombinieren. Das Band misst meine täglich zurückgelegten Schritte, dokumentiert mein Schlafverhalten und soll sogar meine Ernährung regeln. Gegen die ersten beiden Vermessungen habe ich nichts – sollte Nummer drei tatsächlich funktionieren, würde ich drei Kreuze machen. Aber jetzt wird es schräg: Bewege ich mich eine gewisse Zeit nicht, vibriert das UP-Band. Das erinnert mich an eine elektronische Handfessel. Verfalle ich gerade der Überwachungsparanoia? Nun, zumindest sollte dieser kompletten Eigen-Digitalisierung immer auch etwas Kritikfähigkeit entgegenschlagen. Sobald ich mich müde fühle, bloß weil eine App oder ein Armband verlauten lassen, ich hätte bloß zu 80 % gut geschlafen, sollte meine Intuition Alarm schlagen – und nicht mein iPhone. Übrigens veröffentlichte die FAZ einen langen und hochinteressanten Artikel zum Thema. Sehr lesenswert.

Obwohl sich meine Leistungen in Mathe seit Klasse sechs nicht zielführend verbessern konnten, bin ich dennoch von all diesen Eigenauswertungen fasziniert. Ich würde mich jetzt nicht als „Homo Apptucus“ bezeichnen, aber eine Zahl, die mein Gefühl mathematisch beweist, ist willkommen. Ich fühle mich bestätigt. Fühlt sich gut an. Florian Schumacher, jener Mann, von dem man sagt, er habe die deutsche „Quantified Self“-Bewegung gegründet, fasst hier viele positive Punkte zusammen. Auch die nicht zu leugnende Eigenmotivation. Kritiker gibt es natürlich auch. So gehe mit der Selbstvermessung im schlimmsten Fall ein völliger Verlust der Intuition einher. Auch böten die gewonnen Daten viel Spielraum für Missbrauch. Außerdem seien die digitalen Tagebücher ein Effizienzdokument. Steht unsere Gesellschaft unter einem ständigen Optimierungszwang?Fühlen wir uns nur noch sicher, wenn wir uns mathematisch in Einsen und Nullen digitalisiert haben? Da lauert bei aller Technikfaszination immer auch ein bitteres Körnchen von Aldous Huxleys „Schöne Neue Welt“.

Quantified Self – ein riesiger Markt

Gut geschlafen? Sleep Cycle verrät es. Dabei registriert die App Bewegungen im Schlaf.
Bild: wildcard

Ob nun motivierend oder gefährlich – die „Quantified Self“-Bewegung schafft vor allem einen Markt. research2guidance prognostiziert alle dem MobileHealth-App-Markt bis 2017 einen Umsatz von 26 Milliarden Dollar. Schon heute finden sich in den verschiedenen App-Stores Hunderte Selbstvermessungs-Apps. Auch Videospiele-Hersteller setzen darauf. Nintendo (WiiFit) fährt damit hervorragend und Microsoft legt nach.

Und damit wird diese Entwicklung nicht beendet sein. Produkte wie Google Glass sind erst der Anfang. Gerade die Kombination aus Augmentierungen, Apps und Brillen wird dem Anwender viele Selbstdiagnose-Tools zur Verfügung stellen. Bis auf zwei Nachkommastellen zu ermitteln, ob und wie gut der potenzielle Partner zu uns passt. Die Zusammensetzung der vor uns stehenden Pizza genau analysieren lassen. Vielleicht sogar, für wie viel Prozent unserer Liebe im Moment Dopamin verantwortlich ist und wie lange diese Wirkung bei selber Partnerschaftsführung noch anhält. Aber ist eine derartige Berechenbarkeit des Lebens wirklich wünschenswert?

Share this
arrow_upward