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Print ist tot? Nein. Aber die Verluste steigen.

Date Posted: 16 November, 2012

Kürzlich schrieb ich noch der Printausgabe des PRINZ eine E-Mail. Ich erhielt folgende automatische Antwort: „Info an alle: Der PRINZ wird mit Ausgabe 12/12 eingestellt! Bitte nehmen Sie diese Adresse daher aus Ihrem Presseverteiler!“ Wer nach dem Wieso fragt, erhält das possierliche Wort „Medienwandel“ als Begründung. Übersetzt: Junge Leute wählen heute eine von unzähligen Smartphone-Apps, um zu schauen, was in ihrer Stadt so los ist. Wer will es ihnen verdenken? Es ist leichter, aktueller, weniger sperrig und in der Regel günstiger. Zumindest online soll es den PRINZ weiterhin geben.

PRINZ
Viele sagen, PRINZ sei überholt. Zumindest wird die gedruckte Ausgabe eingestellt.

Ein anderes Medium, aber mit den gleichen Problemen, ist die Frankfurter Rundschau. Fallende Anzeigenerlöse und sinkende Verkaufszahlen lassen das Traditionsblatt seit Jahren Verluste einfahren. Nun folgt die Insolvenz. Wenn man den Gerüchten Glauben schenken darf, wird es in der kommenden Woche auch die Financial Times Deutschland ereilen – Einstellung der Printausgabe. „Am 21. November wird der Aufsichtsrat von Gruner + Jahr (G+J) über die Zukunft der Wirtschaftsmedien dieses Verlags beraten“, schreibt die FAZ.  Weiter zitiert die FAZ einen Manager bei G+J: „Die Tendenz geht Richtung Schließung“. Um das zu verdeutlichen: Wir sprechen hier nicht vom Wanne-Eickeler Tagblatt, sondern von der Financial Times Deutschland. Wenn nicht diese Zeitung weiß, wie man profitabel arbeitet, wer dann?

Selbstverständlich liegt der Niedergang einer Zeitung in vielen Faktoren begründet: an der Zielgruppe vorbeigeschrieben. Veraltet. Trends verpasst. Doch stetig fallende Verkaufszahlen sind keine neue Entwicklung. Deshalb auch keine Krise. Gerade wir als Kommunikationsagentur bekommen jeden Print-Verlust hautnah mit. Schon lange schwelen in der deutschen Medienlandschaft zwei Probleme: Vielen Printerzeugnissen laufen Leser und Anzeigenkunden davon. Doch Wirtschaftskrise hin oder her – online findet man sie meist wieder. Allerdings mit einem entscheidenden Unterschied: Die Verkaufserlöse fehlen. Wie bringt man Leser, die jahrelang Informationen umsonst bekamen, wieder dazu, dafür zu zahlen? Die Frage ist: Muss man das überhaupt? Das mögen Betriebswirtschaftler beantworten, aber wollen wir wirklich eine Medienlandschaft, die komplett von Werbeserlösen abhängig ist? Kommt zukünftig der in der Berichterstattung am besten weg, der das größte Anzeigenbudget hat? Da kann man so viel Idealist sein, wie man will: Auch Journalisten arbeiten nicht umsonst.

Frankfurter Rundschau
Frankfurter Rundschau: „Traditionelles Flaggschiff des Qualitätsjournalismus“ steht vor dem Aus

Ein prominenter Vertreter seines Berufsstandes, der sich in den letzten Tagen zum Thema via Facebook meldete, ist Wolfgang Blau – noch Chefredakteur der Zeit. Er kritisiert ein allzuschnelles Einschießen auf den vermeintlich Schuldigen „Internet“. Er fragt, ob das „fragliche journalistische Konstrukt namens Tageszeitung“ nicht selbst am Niedergang schuld sei.

Interessante These, aber überlegen Sie mal: Wann haben Sie die letzte gedruckte Zeitung gekauft? Oder ein Magazin? Oder sich selbst ein Zeitungs-Gratis-Exemplar (ohne Abofalle) in der Fußgängerzone mitgenommen? Wenn ja, haben Sie die auch gelesen? Und wann haben Sie auf Ihrem Smartphone die letzte News gelesen oder sind auf Facebook herumscharwenzelt? Je mehr sich dieses Verhältnis Richtung online verschiebt, desto jünger sind Sie wahrscheinlich. Zumindest belegen das etliche Studien. Aber wieso ist das so? Ich persönlich kaufe mir gedruckt nur noch jene Sachen, die ich online nicht bekomme. Dank 3G (und bald LTE) ist das nicht mehr viel. Oder fertigen Sie mal eine eigene Studie an: Setzen Sie sich morgens in die Regionalbahn auf einer Strecke Ihrer Wahl. Beobachten Sie, wer was tut. Viele lesen, stimmt. Sind sie unter 30, dann meist auf dem Smartphone. Manche auf Tablets. Hier und da raschelt noch eine klassische Tageszeitung. Manchmal auch im Gesicht des Sitznachbarn. Das am häufigsten derzeit erspähte Printerzeugnis ist übrigens „Shades of Grey“. Aber das ist eine andere Geschichte. Vor allem eine für Frauen.

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