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Popkulturelles Phänomen GTA – was macht die Serie kommunikativ so besonders?

Date Posted: 18 September, 2013
Bild: Rockstar

In den sozialen Netzwerken war es ein bisschen als entzünde man eine Benzinspur: GTA V für gerade einmal 50 Euro in einem großen Elektronikmarkt! Das Besondere? Nun, das Spiel ist damit nicht nur 19 Euro günstiger als normal, es stand auch 24 Stunden vor dem offiziellen Verkaufsstart palettenweise in den Gängen. Fortan existierte wohl niemand zwischen 15 und 35, in dessen Facebook-Timeline nicht mindestens eine Handvoll Personen stolz mit der Spielepackung posierten als handele es sich um eine Trophäe der letzten Mount-Everest-Besteigung.

Von Björn Seum und Jens Quentin

Seit gestern dürfte die Fehlquote an deutschen Schulen und Unis auffällig hoch sein. Mancher Games-Laden machte sich daraus sogar einen kleinen Scherz. Und wer tippt ernsthaft auf ein anderes Verkaufsergebnis als einen absoluten Rekord? Keine Frage: GTA V ist das Spielesoftware-Ereignis des Jahres. Doch was macht GTA V bloß so außergewöhnlich? Geht es um den Inhalt, geben heute Tausende Reviews Antwort. Geht es um die kommunikative Wirkung, versuchen wir an dieser Stelle eine Erklärung.

Wann immer es um Games-PR geht, stellt die Serie Grand Theft Auto die Ausnahme der Regel. In zweierlei Hinsicht: In der Fachpresse ist die Serie seit Teil 3 quasi ein Selbstläufer. GTA erreichte mit dem Wechsel aus der Iso-Ansicht in die 3D-Perspektive ein Image, von dem jeder PRler nur träumen kann: Die Mischung aus grenzenloser spielerischer Freiheit hinsichtlich eines komplett gegenteiligen Lebensentwurfs eines Normalbürgers und (hohem) Gewaltfaktor in einer modernen Großstadt, polarisierte Fach- und Nicht-Fachwelt. Dazu kamen eine deatilreiche, liebevolle Hommage an die 70er- und 80er-Jahre sowie ein grandioser Soundtrack, der das Zeitgefühl dieser Dekade perfekt widerspiegelt. Auch der Humor, den selbst der EA Blog für digitale Spielkultur thematisierte, ist ein wichtiges Element des Erfolges.  Das Resultat ist seither eine überwältigende mediale Aufmerksamkeit. Seit 2001 feiert die Fachwelt das Spielprinzip und die Nicht-Fachwelt diskutiert hitzig sowohl über den Gewaltfaktor als auch über den popkulturellen Anspruch des Spiels.

Kunst – von der Theorie in die Praxis

Damit schaffte es die GTA-Serie als eine der wenigen Spielereihen aus dem theoretischen Kunstbegriff heraus, hinein in die mediale Praxis. Denn heute finden sich nicht nur Besprechungen in der Fachpresse – auch die Publikumsmedien widmen sich GTA V. In den meisten Fällen wohl auch, ohne dass die Redakteure dazu überredet werden müssen. Über ein neues GTA-Spiel zu schreiben, ist in vielen Redaktionen im Jahr 2013 völlig selbstverständlich. Ganz egal ob Netzwelt oder Feuilleton. Die Essenz: Mit spielerischen Highlights erobert man die Fachwelt, die Publikumsmedien mit einem popkulturellen Ansatz. Übertragen in die Praxis bedeutet es nicht, Entwicklern vorzuschreiben, GTA zu kopieren (Versuche gab es genug), sondern so tief im Spiel zu wühlen, bis dieser popkulturelle Ansatz gefunden wurde. Dazu bedarf es in Agenturen und Unternehmen genauste Produktkenntnis und einiges an Handwerkszeug.

Zudem beweist Rockstar Games (bis Teil 2 DMA Design) seit Grand Theft Auto (1997) ein Auge für die richtigen Bildwelten. Jeder, der einmal in der Videospielfachpresse tätig war, weiß, dass ein GTA-Cover nicht nur Leser bringt, sondern auch verdammt gut aussieht. GTA-Designs sind bis heute verspielt genug, um nicht zu bierernst zu wirken, aber auch realistisch genug, um Magazine nicht wie ein Fix&Foxi-Heft aussehen zu lassen. Gerade diese Optik ebnete der Serie ein weites Stück des Weges in die Massenmedien, um immer wieder als Beispiel für und wider Videospielkultur herangezogen zu werden. Hinzu kommen mit Dan und Sam Houser zwei Charaktere, die das Spiel mit den Medien beherrschen. Zu sagen, GTA habe eine anti-kapitalistische Botschaft hat kommunikativ eine andere Wirkung als 345 neue Waffen anzukündigen. Doch noch wichtiger als einfach gesellschaftlich und politisch relevante Behauptungen aufzustellen ist in Interviews dann auch gehaltvolle Antworten parat zu haben.

Bild: Rockstar

Willst du was gelten, mach dich selten

Des Weiteren spielt Rockstar seit Teil 4 auf extreme Weise mit seinem Image und der Marke. Aus einer Spielserie wurde eine Art medialer Mythos. Jeder neue Screenshot eines neuen GTA-Teils generiert extreme Aufmerksamkeit sowohl in klassischen Medien als auch in sozialen Kanälen. Da dürften sich Publisher anderer Spiele wünschen, dass ihr gesamtes Produkt mal diese Aufmerksamkeit erfährt. Bei Rockstar ist der Name Programm. Dieser Hersteller hält sich nicht an die üblichen PR-Regeln, weil er sich erlauben kann, mit ihnen zu spielen und sie zu brechen. Messe-Präsenz? War bis zur gamescom 2013 nie wirklich ein Thema. Das Unternehmen und die Marke kennt ja sowieso jeder Spieler. Presse-Material? Gibt es nicht. Die Medien berichten ja auch so. Interviews? Extrem selten. Rockstars halt.

Eine Erfahrung der besonderen Art sind auch Besuche in einem der Rockstar-Büros. Auf der Fußmatte im Büro London steht „Not welcome“. Am Empfang arbeitet keine adrette Blondine, sondern ein korpulenter, tätowierter älterer Herr. Präsentationen von Rockstar-Spielen sind bis ins kleinste Detail durchchoreografiert. Während eine Person minutiös nach einem Skript erklärt, spielt eine andere Person exakt die Szene nach. Abweichungen zwischen den Präsentationen gibt es nicht, alles folgt einem festen Drehbuch. Jede Info muss vorher intern freigegeben sein, Zusatzfragen aus anderen Bereichen des Spiels als das Gezeigte werden mit einem Lächeln abgeblockt, Pressevertreter auf einen späteren Zeitpunkt vertröstet. All das schadet Rockstar und seinen Produkten nicht. Ganz im Gegenteil. Das Image der unkonventionellen Publishers, der sich PR- und Marktzwängen nicht beugt, wird so kultiviert.  Das Resultat ist erstaunlich: Veröffentlichten Rockstar kurze Trailer zum Spiel, stürzten sich die Medien darauf und sezierten selbst die Zwischenbilder: Manches Magazin schaffte das Kunststück, aus zwei Minuten Trailer fünf Heftseiten Analyse zu kreieren – Leser findet diese Art Berichterstattung immer.

 UPDATE:

Wie vermutet: GTA V bricht einen Verkaufsrekord. 800 Mio. US-Dollar Umsatz am ersten Tag. Bedenkt man, dass das Spiel an vielen Stellen ausverkauft war, wird der Umsatz nochmal deutlich steigen.

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