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Musik im digitalen Zeitalter

Date Posted: 8 August, 2013
Bild: Hercules

Als DJ habe ich ein besonderes Verhältnis zur Musik. Im Zeitalter von Spotify oder Ampya hat es sich gewandelt. Aber nur ein bisschen. Wirklich. Anfang der 90er Jahre ahnte weder ich, noch jemand in der Musikindustrie, wie sehr sich der Musikmarkt in den kommenden 20 Jahren verändern würde. Als ich damals intensiv auf die Suche nach CDs, MCs und hauptsächlich Vinyl ging, existierten selbst in mittelgroßen Städten zumindest CD-Läden. Selbst, wenn ich keine Kaufabsichten hegte, ging ich mindestens zwei Mal pro Woche in die Läden und hörte mir neue Scheiben an. Während dessen klingelten bei den Majors die Kassen. Alben wie „Dangerous“ von Michael Jackson und Nirvanas „Nevermind“ bescherten den Plattenlabels Absätze in Millionenhöhe. Musikhandlungsketten wie HMV und WOM, aber auch kleinere Plattenläden konnten sich über mangelnde Abverkäufe nicht beschweren und die Musiker konnten regelmäßig ihre Tantiemen einstreichen. Ja, damals ging es der Musikindustrie blendend. Auf der damals noch in Köln stattfinden Musikmesse, der Popkomm, präsentierte man sich mit extravaganten Ständen dem Publikum und leistete sich abends luxuriöse Partys in den besten Hotels der Stadt. Eine ganze Branche frönte der Dekadenz.

Böses mp3

Ende der 90er vermiesten CD-Brenner und das Fraunhofer Institut den Labels die Feier. Ein Kompressionsverfahren namens mp3, hochkapazitive Festplatten und Internet-Tauschbörsen entwickelten sich zum Problem. Die wohl bekannteste Musiktauschbörse jener Zeit war Napster. Auf dieser konnte man sich, ohne auch nur einen Cent zu bezahlen, so viele Songs auf seinen Rechner laden, wie die eigene Festplatte Speicherplatz hatte. Dass man sich dabei im illegalen Bereich befand, störte nur die wenigsten. Wohl aber die großen Labels. Die reagierten, wie alle Platzhirsche, wenn etwas Neues auftaucht: mit Abwehrkampf und juristischen Schritten. Im Nachhinein ein Fehler.

Wir erinnern uns: Es brachte wenig. Kurz vor Napsters Ende im Februar 2001 betrug das monatliche Tauschvolumen rund zwei Milliarden Dateien, was zur Folge hatte, dass es in der gesamten Musikindustrie zu noch nie da gewesenen finanziellen Einbußen kam – zumindest wurde das so kommuniziert. Außerdem schossen neue Tauschbörsen wie etwa Kazaa oder LimeWire wie Pilze aus dem Boden. Die Absätze von Alben und Singles befanden sich im Sinkflug. Musste ein Künstler in der 90er Jahren noch 250.000 verkaufte Einheiten erreichen, um mit einer Goldnen Schallplatte ausgezeichnet zu werden, waren hierfür ab 2003 nur noch 100.000 Einheiten nötig.

Die große Frage

Die Musikindustrie stand also schon Anfang der Nullerjahre vor der großen Frage, die sich nun auch der Journalismus stellt: Wie bringen wir die Leute wieder dazu, zu zahlen? Da das Interesse der Kunden ganz offensichtlich am Erwerb von kompletten Alben und generell an Tonträgern gesunken war, entstand die Idee, einzelne Songs zum Verkauf in Onlineshops wie amazon.de oder iTunes anzubieten. Sind wir mal ehrlich: Wie viele Alben fallen euch ein, die von Track eins bis zum Ende von gleicher Qualität waren? Bei Zeitungen und Magazinen ist es ähnlich.

Im gleichen Zug startete man große Kampagnen, in denen prominente Künstler den Wert von Musik verdeutlichten. Ebenso wurde in zweifelhaften Werbespots klar gemacht, dass der Musik-Download kein Kavaliersdelikt, sondern ein Verbrechen ist. Bis heute ein hervorragendes Geschäftsfeld für Anwälte. Schnell und einfach einen Song für wenig Geld zum Download anzubieten in Kombination mit den Kampagnen hat den Fall der Verkaufszahlen tatsächlich gestoppt. Um zusätzlich finanzielle Löcher zu stopfen, wurden die Musiker noch mehr auf Konzerttouren geschickt und die Anzahl der Festivals vergrößerte sich ebenfalls. Live-Musik wurde zu einem weiteren Schlüssel aus der finanziellen Misere. Auch der Verkauf von klassischen Textil-Merchandise wurde vorangetrieben. Und das gute alte Vinyl – dem hauptsächlich das Aufkommen des CD-Players zusetzte – ist heute wieder eine sich ordentlich verkaufende Liebhabersache. Zumindest sehe ich in den Regalen von Saturn oder Media Markt wieder Platten stehen. Die täglich gehörte Musik in Deutschland kommt aber nur noch zu einem Fünftel von einem physischen Datenträger. Wir lieben es offenbar gradlinig: entweder volldigital oder als knisternde Analog-Platte.

Ein Modell für Verlage?

2008 schlossen sich große Labels wie Sony, EMI, Universal und die Warner Music Group zusammen und riefen die Plattform Spotify ins Leben. Hierbei handelt es sich um einen Musik-Streaming-Dienst, der es ermöglicht, Musik aus der Reihe der genannten Labels zu hören. Der Vorteil hierbei ist, dass man nicht mehr einzelne Songs kaufen und herunterladen muss, sondern direkt auf eine schier endlose Zahl von Musikstücken zugreifen kann. Finanziert wird Spotify durch das sogenannte Freemium-Modell, was bedeutet, dass Standard-Dienstleistungen kostenlos, weitere Funktionen aber kostenpflichtig sind. Die Lizenzgebühren werden dadurch finanziert, das der User sein Konto mit einem Abonnement bezahlt oder Werbeeinblendungen akzeptiert. Neben dem weltweiten Marktführer Spotify konnten sich im Musik-Streaming-Bereich vor allem die Dienste Simfy, Rhapsody und auch das nun legale Napster durchsetzen. Die Zeit, in der man auf die eigene CD- und Vinyl-Sammlung zurückgreift, um eine musikalische Auswahl zu treffen, scheint für viele vorbei zu sein. Das Modell, jederzeit Zugriff auf Millionen von Songs zu haben, wird zusehends präferiert. Die Userzahlen steigen – wenn auch nur gering.

Die DJ-Branche wird immer digitaler. Im Gegensatz zu manch heimischem Wohnzimmer findet man in den wenigsten Clubs oder auf den wenigsten Festivals noch Plattenspieler. Hier stehen nur noch CDJs mit Speichermedieneinschüben. Da haben sich die meisten Kollegen wohl zu sehr an den Luxus gewöhnt, keine kiloschweren Plattentaschen mehr mit sich herumtragen zu müssen. Wer will es ihnen verdenken? Der Rücken hingegen dankt es.

 

 

 

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