News & views

Meinungsäußerung in Zeiten von Social Media

Date Posted: 20 Juni, 2012

Wie durch die Verzahnung von klassischen und sozialen Medien ungeheure Kommunikationskraft erzeugt werden kann.

Evil eye of silent man

© Pitopia, Andy Nowack,2012

Es ist doch immer wieder erstaunlich. In der Theorie kann so viel erklärt, erläutert und gewarnt werden, über die Kraft jedes Einzelnen dank Social Media. Über Reichweiten und die Verbreitung von Stories, über die Gefahren für Unternehmen und Richtlinien, über Verständnis im Dialog mit der Öffentlichkeit, über die Notwendigkeit, ein solides Monitoring von Online-Gesprächen aufzustellen, das selbst für jene Unternehmen wichtiger wird, die außer einer Homepage nichts anderes im Web bieten, und und und…

Die Reaktion ist meistens zustimmendes Nicken und das allgemeine Wohlbefinden, dass es ja doch immer nur die Anderen trifft und mein eigenes Unternehmen damit eigentlich nichts zu tun hat. Weil die Zielgruppe ja gar nicht online ist, weil unser Unternehmen nicht interessant genug, weil wir unser Geschäft persönlich regeln, weil hier so wenig Leute arbeiten, dass Regeln gar nicht nötig sind.

Gestern abend ist mir ein selbsterklärendes Gegenbeispiel quasi auf dem Silbertablet serviert worden.

Kurz zusammengefasst: Ein Aachener Abiturient hat sich für den Abischerz von einem ansässigen Dienstleister ein Angebot für die Vermietung einer Hüpfburg eingeholt. Er wurde sehr unfreundlich abserviert, auf seine nochmalige Nachfrage, warum er denn nicht einfach einen Preis genannt bekommt, erhielt er mehrere so unverschämte Antworten, dass er es sich nicht verkneifen konnte, diese mit der Welt zu teilen.

Die Korrespondenz wurde 1:1 von den Aachener Nachrichten abgedruckt und die 1. Welle war losgetreten.

 

Der Beitrag wurde alleine auf der Facebookseite des betroffenen Schülers innerhalb der letzten 3 Tage knapp 6.000 geteilt, auf Facebook unzählige Male kommentiert, in vielen Blogs kommentiert und verlacht und mittlerweile in einer 3. Welle von weiteren  „klassischen Medien“ weiträumig aufgegriffen. Es kursieren sogar witzige Internetvideos, die Website des Hüpfburgenverleihers ist in aller Munde, die Medien bitten um Stellungnahmen, aber bislang fand das Unternehmen noch keine Antwort (Stand gestern Abend).

Das wird sich vielleicht heute geändert haben, aber um das Image des Unternehmens nicht zu beschädigen, ist es schon zu spät… Und sogar weit über Aachens regionale Grenzen hinaus. Wenn sie das nur vorher gewusst hätten… hätten sie wohl dann gewusst, wie man sich richtig verhält? Welche Art von Kommunikationskultur und Service-Disziplin braucht es denn, um einem jungen Mann eine adäquate Antwort zu geben? Welche innere Haltung müsste man dort jetzt einüben, damit aus einer deutlich asymmetrischen Situation, in der ein Schüler abgekanzelt wurde, eine „erwachsene“ Kunden-Dienstleister Situation auf Augenhöhe wird? Und wie verhält man sich als Unternehmen, wenn die Beschwerde bereits im Netz ist, wenn die Medien schon anklopfen?

Ob es der hier angesprochene Hüpfburgen-Fall ist oder der Fall Schlecker mit seinem Claim für vermeintlich unteres und mittleres Bildungsniveau: Kein Unternehmen kann sicher sein, dass seine Korrespondenz noch zwischen zwei Menschen bleibt. Mit einem Klick ist alles öffentlich. Das war immer schon so, nur blieb es in kleinerem Kreise, schließlich hat nicht jeder gute Kontakte in die Medien. Es blieb auf dem Schulhof, dem Sportverein oder eine weitere Geschichte für den Stammtisch. Heute betrifft es theoretisch jedes Unternehmen und jeden Vorgang in deutlich größerem Stil. Das ist aus Unternehmenssicht vermutlich der größte Wandel, auf einen Schlag so viele Menschen zu erreichen und grundsätzlich alle Prozesse daran beteiligt zu sehen. Im Guten wie im weniger Guten.

Und darum weisen wir immer wieder darauf hin, wie ungemein wichtig es ist, sich auszukennen.

Bleiben wir am Ball und beobachten den Fall gemeinsam weiter.

Links

http://www.wochenblatt.de/nachrichten/regensburg/ueberregionales/Unternehmer-aus-Elsdorf-disst-Abiturienten-70-Prozent-werden-Hartz-IV;art5578,120316

http://www.noz.de/deutschland-und-welt/kultur/fernsehen/64871600/eschweiler-firma-bezeichnet-abiturienten-als-zukuenftige-hartz-iv-empfaenger

http://www.aachener-zeitung.de/lokales/eschweiler-detail-az/2494714/Nach-rueder-Absage-Riesige-Solidaritaetswelle-fuer-Abiturientenl

http://www.klamm.de/news/looki-looki-70-werden-hartz-iv-7N92641.html

Share this
arrow_upward