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Vom Leistungsgedanken hinter der Netzneutralität. Langsam Surfen mit der Telekom

Date Posted: 23 April, 2013

Vom Leistungsgedanken hinter der Netzneutralität. Jedes Mal fährt mir ein Schauer über den Rücken, wenn ich diese SMS von meinem Mobilfunkbetreiber erhalte: „Sie surfen jetzt mit reduzierter Geschwindigkeit, da die Volumengrenze Ihres Tarifs erreicht ist.“

Jetzt weiß ich, dass der Rest des Monats aus langen Ladezeiten und viel Frust bestehen wird. Denn hat man einmal sein Datenvolumen seiner Internet-Flatrate aufgebraucht, surft man nur noch mit GPRS (64 KB/s). Gleiches plant die Telekom als erstes Telekommunikationsunternehmen in Deutschland nun mit DSL-Anschlüssen daheim. Ab 2016 soll das neue Konzept umgesetzt werden. Für die günstigsten Tarife soll es auch jetzt schon bald passieren.

Was? In Zukunft auch Zuhause mit nur 64 KB/s surfen? Da kann ich auch gleich mein altes Dial-Up-Modem vom Dachboden holen! Ganz so drastisch wird die DSL-Drosselung sicherlich nicht, aber hat man die Volumengrenze erreicht, muss man sich mit langsamen 384 KB/s begnügen. In Zeiten von HD-Videos im Abo, Musik-Streaming, Browsergames und aufwendigen Websites nicht gerade eine Freude.

Als Nutzer ist man die Abwärtspirale eigentlich nur im Preissegment gewöhnt, nicht aber auf der Leistungsseite. Hier war von einem ausgewogenen Preisleistungsniveau ja schon lange nicht mehr die Rede. Wenn wir uns mal ehrlich in die Augen sehen, ist jede Tarif-Revolution eine logische Konsequenz der Entwicklungen der letzten Jahre. So auch diese – nur mal nicht zu Gunsten der Nutzer, zumindest nicht unmittelbar. Immer mehr Nutzer mit VDSL oder DSL-Leitungen laden immer mehr und immer größere Datenmengen aus dem Internet herunter. Die Preise für schnelles Internet liegen im internationalen Vergleich in Deutschland recht günstig – Flatrates sind für unter 30 Euro gang und gäbe. Hingegen liegt der politische Auftrag des Netzausbaus ganz klar auf den Schultern der Betreiber. Vergangenes Jahr noch verkündete der noch amtierende Konzernchef René Obermann, bis 2015 rund 30 Milliarden Euro in den Ausbau, hautsächlich in LTE zu stecken. Bei stetig sinkenden Preismargen wirtschaftlich betrachtet fast verständlich, dass die Telekom die User, die große Mengen an Daten aus dem Internet herunterladen zur Kasse beten.

[Update: Ein wichtiger Gedanke fehlte mir hier noch] Die Betonung liegt auf fast verständlich – denn obschon einerseits durch neuere Technologien das Internet immer schneller werden muss (ähnlich wie neuere Computerspiele immer mehr Speicher brauchen und auf den alten Krücken vergangener Tage nicht mal mehr die Grafik zu erkennen wäre), so könnte sich in dieser Entwicklung bald nur noch eine zahlungsfähige Elite das „normale Internet“ leisten. Neutral ist das nicht. Und Netzneutralität sieht anders aus. Auch im Hinblick auf die Tatsache, dass die Telekom-eigenen sogenannten managed Services wie ihr online Videothek Entertain (und ich vermute, ihr Musik-Streaming-Dienst Spotify), die beide gewaltige Datenmengen benötigen, von diesen Beschränkungen ausgenommen werden, wohl aber die Dienste anderer. Das klingt nach Zweiklassengesellschaft.

Wie geht es im Dünken der Telekom nun weiter? Altverträge laufen vorerst weiter, für Neuverträge startet die Drosselung ab 2. Mai 2013, aber erst sukzessive, wie die Telekom verlauten ließ. Bis dahin haben die Nutzer noch alle Möglichkeiten das Netz in vollen Zügen zu genießen. Die Vorstellung der Telekom hat einen regelrechten Shitstorm im Internet ausgelöst, dennoch werden viele andere Unternehmen ein Auge auf die Entwicklung der Telekom haben um abzuschätzen, wie die Nutzer die Umstellung annehmen. Kommunikativ betrachtet, ist die Telekom nun der Streber, der die Keile abbekommt, die anderen brauchen nur zu warten, beobachten und aus den hin- und hergeworfenen Argumenten ihre Schlüsse ziehen. Wollen wir hoffen, sie ziehen die richtigen Schlüsse – und dass das ersparte Geld tatsächlich im Netzausbau landet. Oder die Telekom zurückrudert.

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