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Jeff Bezos kauft die Washington Post – ist der Qualitätsjournalismus nun gerettet?

Date Posted: 9 August, 2013
Bild: wildcard

Man muss kein Historiker sein, um zu wissen: Sieger demütigen den Besiegten gerne mit besonders kreativen Aktionen. Formale Unterschrift auf einer Kapitulationsurkunde vor versammelter Truppe etwa.  Oder prunkvolle Kaiserkrönungen in barocken französischen Sälen – die Demütigungsskala ist nach oben offen. Heute wählt man andere Gesten – Jeff Bezos‘ Kauf der Washington Post soll so eine gewesen sein. Zumindest, wenn es nach etlichen Medien und Blogs geht. Doch während die einen in jenem Deal den endgültigen Triumph der digitalen Wirtschaft über den unabhängigen (Print) -Journalismus sehen, glauben andere, könne der Branche gar nichts Besseres passieren. Sie vertrauen auf Bezos‘ innovative Visionen – und auf sein Geld.

„Ich lese Zeitungen nur noch digital.“ Jeff Bezos, Berliner Zeitung

Bezos, jener Mann, der Amazon gründete und der ausgerechnet im Interview mit der Berliner Zeitung im Jahr 2012 schon das sichere Ende der gedruckten Tageszeitung voraussagte. Wer es nachlesen möchte, folgt diesem Link.

Bezos – das ist aber auch jener Mann, der den Online-Handel revolutionierte und auch mein Kaufverhalten änderte. Er veränderte mit dem Kindle auch das Leseverhalten vieler Menschen. Meines noch nicht – aber das meiner Mutter. Die liest Kindle, verzichtet auf gedruckte Bücher, zahlt aber weiterhin für Literatur. Völlig selbstverständlich. Ein Beispiel, das Mut macht.

Kann dieser Jeff Bezos dem klassischen Journalismus nun neue Wege zeigen? Oder ist die Washington Post nur die erste Traditionszeitung, die demnächst exklusiv auf dem Kindle zu lesen sein wird? Denn Bezos sieht auch nach dem Ende der Print-Ära in rund 20 Jahren weiterhin Platz für Qualitätsjournalismus. Während die einen glauben, Bezos würde aus uns, den Lesern, einfach Kunden machen, setzen andere schon fast messiasähnliche Hoffnungen in Ideen, auf die heute noch niemand kommt.

„Es wird weiterhin einen Platz für qualitativ hochwertigen Journalismus geben.“ Jeff Bezos, Berliner Zeitung

Das führt zum zweiten großen Symbol des Deals: Weder die Verleger der Washington Post, noch deren Redakteure, hatten offenbar jene Idee, auf die nun alle hoffen. Hier wurde nicht irgendein Käseblatt verkauft, sondern die Washington Post. Diverse Quellen berichten von einem operativen Verlust von über 54 Millionen Dollar alleine im letzten Jahr. Allerdings sollen die Einnahmen bei 581,7 Millionen Dollar liegen. Doch wie dem auch sei: Clevere Verleger verkaufen ihre Publikationen bevor diese rote Zahlen bescheren.

„In zwanzig Jahren wird es keine gedruckten Zeitungen mehr geben.“ Jeff Bezos, Berliner Zeitung

Was die Erträge des Verkaufs für eine ganze Branche angeht, da möchte ich mal Optimismus zeigen: Um eine Traditionszeitung völlig in eine neue Zeit transformieren zu können, dafür wird Zeit und Geld benötigt. Vor allem Letzteres. Gerade Zeitungen wie die Washington Post, müssen Anlaufstellen für die besten Journalisten bleiben. Diese dürfen ihre Berufung nicht an den Nagel hängen (müssen), weil sie ihre Familien nicht mehr versorgen können. Der finanzielle Atem des Besitzers muss lang sein. Vor allem finanziell. Die Zeitung – und ihre Redakteure – müssen vernünftig weiterarbeiten können, ohne sich zu sehr um die ökonomische Situation kümmern zu müssen. Das gilt für die Washington Post genauso wie für die Traditionsblätter höchster Qualität in anderen Ländern. Und diese Länder haben allesamt sehr reiche Menschen. Welche Milliadärs-Aufgabe könnte schöner sein, als dem Qualitätsjournalimus zum Überleben zu verhelfen? Eine gesellschaftlich wichtige Aufgabe.

Mr. Bezos, ich warte gespannt auf Ihre Ideen.

 

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