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Hier geht die Huffington Post ab

Date Posted: 10 Oktober, 2013
Bild: wildcard

Da ist sie also nun, die deutsche Ausgabe der Huffington Post. Mit etwas Verspätung ist die etwas andere Nachrichten-Plattform auch in Deutschland gestartet. Doch geht das Konzept des digitalen Sammelbeckens der trendigsten Web-Inhalte auch hierzulande auf? In den USA wurde die dort 2005 von Arianna Huffington gegründete Online-Zeitung als Retter der Medienkrise gefeiert und 2012 sogar mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet. Die Huffington Post Deutschland erntet dagegen zu Beginn vor allem Hohn und Spott. Das geht leicht von der Hand und ist populär, aber auch fair? Vielleicht sollte man dieser neuen Art Medium die Chance geben, sich auch in Deutschland zu entwickeln. Und vielleicht ist die in Artikel gegossene Häme des einen oder anderen traditionsbewussten Zeitungsredakteurs auch nichts anderes als das Pfeifen im dunklen Blätterwald: „Erst dieses komische Internet, jetzt auch noch komische Internet-Zeitungen mit Fremdinhalten…“

Häme zum Start

Zugegeben: Die Huffington Post gab den Pressekollegen hierzulande reichlich Futter für kritische Berichte. Der Start in den deutschsprachigen Territorien verlief nicht gerade reibungslos. Da wäre zum einen die Situation auf der Position des Chefredakteurs. Da sich der eigentliche Chefredakteur Sebastian Matthes zum Start der Huffington Post nicht rechtzeitig aus seinem Vertrag als Ressort-Leiter bei der WirtschaftsWoche in Düsseldorf lösen kann, muss Daniel Steil (Chefredakteur Focus online) als „Start-Chefredakteur“ einspringen. Zum Launch einer neuen Publikation sind solche Übergangslösungen sicherlich nicht hilfreich.

Ein weiterer Aufreger waren die im Vorfeld an deutschsprachige Blogger verschickten Emails mit der Bitte um Beteiligung an der Huffington Post, mit denen die HuffPo-Redaktion in der Blogosphäre für Spannungen und Verspannungen sorgte. In diesen Emails wurden den Bloggern für ihre Artikel statt einer Vergütung eine „schöne Reichweite“ in Aussicht gestellt. Das führte dazu, dass der Blogger Kai Petermann die Mail-Korrespondenz öffentlich machte. Sein Vorschlag, das Konzept an seinen Vermieter oder die Telekom weiterzureichen, um auch dort zukünftig ohne Bezahlung Dienste in Anspruch zu nehmen, dürfte in der Redaktion der Huffington Post nicht gerade für Begeisterung gesorgt haben. Kein guter Start für die Zusammenarbeit mit den für die HuffPo so wichtigen Bloggern.

Kunterbuntes Nichtbezahlmodell?

Für das Konzept der HuffPo, Kontributoren nicht für deren Artikel zu bezahlen, bekam die Redaktion schon vorher heftigen Gegenwind. Einer der ersten Kritiker dieses Modells war der Deutsche Journalisten Verband, der diesen Ansatz im Frühjahr als „inakzeptabel“ bezeichnet hat. Aber ist die Reichweite einer Nachrichten-Plattform wie der HuffPo für Blogger wirklich so uninteressant? Könnten nicht gerade auch auf Randthemen fokussierte Blogger sehr wohl davon profitieren, dass ihre mit Hingabe und hohem Sachverstand verfassten Texte nun auf einmal von einer sehr viele größeren Anzahl an Menschen gelesen und geschätzt wird? Ist diese Art der Werbung für die eigene Arbeit wirklich gar nichts wert?

Die gerade für deutsche User-Augen gewöhnungsbedürftige Optik der HuffPo Deutschland mit ihren bunten Farben und riesigen Schlagzeilen erweckt eher den Eindruck eines oberflächlichen Boulevard-Magazins als eines ernst zunehmenden Nachrichten-Portals. Obwohl: Die Personalien Boris Becker als Gastautor oder Cherno Jobatey als Editorial Director sind schon medienwirksam.

Eine Chance für die HuffPo

Trotzdem hat dieses Konzept meiner Meinung nach eine Chance verdient. Weil es einen möglichen Weg aus der Miesere des Journalismus aufzeigt. Blogger im Speziellen und Multiplikatoren im Allgemeinen nehmen im Vergleich zum traditionellen Journalismus eine immer wichtigere Stellung ein. Die wichtigsten Meinungsmacher vertreten und verbreiten ihre Standpunkte nicht mehr im klassischen Feuilleton namhafter Publikationen, sondern in persönlichen Blogs. Der Journalismus befindet sich in einem grundlegenden Wandel. Ob man dies mag oder nicht: dieser Umbruch ist nicht zu leugnen. In den USA ist diese Metamorphose schon weiter fortgeschritten als in Deutschland. Deswegen erhält die HuffPo in den USA den wichtigsten Literaturpreis und in Deutschland vor allem Hohn und Spott. Ich freue mich über ein neues Medium und bin gespannt, wie sich die Huffington Post Deutschland entwickelt.

 

 

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