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#gauchogate oder: Hashtags als weltmeisterliche Spaßbremsen

Date Posted: 24 Juli, 2014
© psdesign1 - Fotolia.com
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Ob Blog- oder Zeitungsartikel: emotionalisierter Content generiert Buzz. Nach der WM 2014 rollte eine Welle der Empörung durch die frischgebackene Weltmeister-Republik. Und mit ihr ein gewaltiger Buzz. Eine Bewegung, die in den sozialen Medien schnell mit dem Hashtag #gauchogate versehen wurde. Ein Vorfall, der mich über die Macht der „alten Medienwelt“, die Rolle der sozialen Netzwerke und die der Blogger nachdenken ließ.

Was war passiert? Deutschland wurde bekanntlich Fußballweltmeister. Und kaum feiern die Deutschen ihren Titel, da wurde auch schon wieder Kritik laut. Das lief manchem offenbar alles zu glatt. Da wurde mit Nationalsymbolen gewedelt, alle Gegner aus dem Weg geräumt, das Team spielte unglaublich fair und gewann auch noch den Titel. Es gab im Grunde nichts zu kritisieren. Doch dann, plötzlich die Wende: Die Spieler feierten euphorisiert vor knapp 500.000 Fans und stimmten das Lied „So gehen die Gauchos“ an. Das Lied war nicht neu, der Inhalt nur abgewandelt. Und doch empfanden Medien wie taz, faz oder Spiegel Online die Aktion als „respektlos“ und bezeichneten sie als „Verhöhnung“ der Argentinier und als ein „großes Eigentor“.

Es waren letztlich „nur“ drei Medien. Doch die Artikel verbreiteten sich wie ein Lauffeuer im Netz. Der Inhalt emotional, der Mitredefaktor: extrem hoch. Quasi jeder hatte entweder Endspiel oder Feier am Brandenburger Tor gesehen. Schnell bauten sich Fronten auf: Jene, die im Gaucho-Lied einen Affront sahen und jene, die in der Kritik selbst den Affront sahen. Rein quantitativ war das Echo deutlich: „Liebes Feuilleton, reg‘ dich nicht so auf.“

Andere Medien reagierten: Die BZ oder der Focus witterten die Chance, sich auf die Seite der vielen Fans zu stellen und holten zum Gegenschlag aus. Kurzer Exkurs: Der Name „Gaucho“ erinnert an die iberischen, Viehzucht betreibenden Einwanderer Südamerikas und ist deshalb auch kein Schmähwort. Ganz im Gegenteil, es steht für Tradition und Geschichte und wird deshalb auch aus marketing-technischen Gründen gerne von Unternehmen, Restaurants, Medien-Agenturen wie Gaucho Productions oder Bloggern wie The English Gaucho genutzt. Selbst der Komponist des Originalsongs, Andreas Orbering, verurteilte die Vorwürfe als abwegig.

So gehen die Medien – die Medien, die gehen so…

Und trotzdem – die Zeit des Shitstorms hatte geschlagen und das erst Stunden nach dem Finale. Zuerst waren da die geteilten Links zu den kritischen Artikeln. Die Zahl der User und Leser, die auf diese Artikel verständnislos reagierten, stieg ebenfalls. Schnell hatte sich Deutschland selbst eine echte Euphoriebremse eingebaut. Immer häufiger tauchte der Hashtag #GauchoDance auf. Die ganze Diskussion ging sogar soweit, dass DFB-Präsident Niersbach sich gezwungen sah, einen entschuldigenden Brief an Argentiniens Fußballverband zu schicken. Erst dann fing auch die argentinische Presse den Vorfall auf. Aus solidarischen Hashtags wie #aneurerseite oder #wirfuer4 wurde #gauchodance. Und aus #gauchodance wurde die internationale #gauchogate-Affäre.

Aus Social-Media-Sicht hinterlässt die gesamte Gaucho-Affäre ungeklärte Fragen. Haben taz und Co ihre Kritik bewusst dann gestreut, als Deutschland im euphorischen Siegestaumel sensibel und anfällig für mediale Provokation war? Das würde bedeuten, dass auch der anschließende Shitstorm bewusst eingeplant wurde, denn Shitstorms bedeuten grundsätzlich gerade für Unternehmen eine echte Krise. Sie können aber auch hohe Klickzahlen und Aufmerksamkeit bedeuten. Die taz hat zum Beispiel #gauchogate später selbst aufgegriffen. Waren die Kollegen also mutig die Angelegenheit trotz Shitstorm weiterzuführen, oder sogar darauf vorbereitet? Ein eigener Satirebeitrag lies jedenfalls nicht lange auf sich warten. Nicht ganz abwegig – denn egal, ob der Leser dem Artikelinhalt zustimmt oder nicht – er greift darauf zu und schafft Zugriffszahlen. Und diese sind überlebenswichtig, seit die Publikationen am Kiosk teils dramatische Auflageneinbußen hinnehmen müssen..

So geht der Hashtag – der Hashtag, der geht so

Der Zeitpunkt, mit Polarisierung auf sich aufmerksam zu machen, war günstig. Gerade über Hashtags verbreiten sich Themen wie diese blitzschnell, begünstigt dadurch, dass nicht nur Twitter, sondern auch Facebook, Google+, Instagram und Pinterest auf den Zug mit aufgesprungen sind. Sie sind längst in den Suchfunktionen der SocialMedia-Kanäle etabliert und allein für Recherche ein großer Vorteil: durch diese Hashtags, die übrigens der Idee eines Bloggers entspringen, lassen sich besonders angesagte Twitter-Themen leicht finden und filtern. #gauchogate war eines dieser „Trending Topics“, welches es bis auf die Startseite von Twitter schaffte.

 

Welche Erkenntnisse lassen sich also aus #gauchogate ziehen?

  1. Auch klassische Medien können – obwohl sie immer wieder totgesagt werden – Meinung machen.
  2. Sie brauchen aber die Unterstützung der „neuen Medien“ – ihre Inhalte müssen Verbreitung finden. Ein guter Moment, vielleicht noch einmal über das LSR (Leistungsschutzrecht) nachzudenken.
  3. Content, der emotionalisiert und polarisiert, funktioniert gut im Netz. Allerdings muss sich das initialisierende Medium auch auf Gegenwind gefasst machen.
  4. Gegenwind kam wiederum in der Vielzahl in Form von Blogbeiträgen – und die wurden ebenfalls wieder geteilt – teilweise sogar von echten Fußballgrößen selbst.

Wie die Argentinier #gauchogate wahrnahmen? Die Antwort werden wir im September auf den Platz bekommen. Kurioserweise ist das erste Spiel des Weltmeisters jenes gegen den unterlegenen Finalgegner. Mal sehen, wer dann in welcher Gangart den Platz verlässt.

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