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Gartner fordert Unterscheidung von Social-Media-Regeln nach Nutzungstypologien

Date Posted: 25 Juni, 2012
Social Media-Regeln: Eine für alle statt jeder mit einer
©Pitopia, Christine Müller, 2011

Bei der Lektüre meines Computerwoche-Newsletters stoße ich heute auf einen Artikel, dessen Thema mir einige Haare zu Berge stehen lässt. Um was geht es? Der Text „Kritik an Social Media Guidelines“ zitiert aus einem aktuellen Report des Beratungsunternehmens Gartner.

Gartner-Analyst Jeffrey Mann behauptet dort, dass nicht eine Social-Media-Guideline für alle Mitarbeiter eines Unternehmens ausreichend wäre, sondern meint, die Belegschaft in vier unterschiedliche Nutzer-Gruppen mit unterschiedlichen Social-Media-Regeln einteilen zu müssen. Jede davon erhielte dann eigene oder zumindest erweiterte Regeln und Erlaubnisse. Auf zwei Ebenen behagt mir diese These gar nicht.

Auf der Sachebene sind aus meiner Sicht die Gruppen schlicht künstlich abgetragen. Was in der Gegenwart gegen sie spricht, gebe ich hier insbesondere für die erste Nutzergruppe wieder. Zusammengefasst: Es sollte aus meiner Sicht keine Mitarbeitergruppe ohne Social-Media-Regeln auskommen müssen. Das gilt selbst für jene, bei denen aus Kostengründen (noch) nicht über eine „Freischaltung“ nachgedacht wird. Denn es gibt andere gewichtige Gründe, warum man bestimmte Gruppen nicht ermuntert mitzumachen, z.B. Reputationsschäden oder Datensicherheit. Um sich dagegen zu schützen, ist es für ein Unternehmen umso wichtiger, dies (unter anderem auch) mittels Social-Media-Regeln zu tun. Und hierauf lässt sich der Gartner-Report gar nicht erst ein.

Darüber hinaus möchte ich auf einer zweiten Über-Ebene diese „Mehrklassengesellschaft“ in Zeiten von absoluter Gleichberechtigung durch jedermanns Zugang zu sozialen Medien in Frage stellen und die Diskussion eröffnen.

Also zuerst zur Sachebene. Hier kommen die vier –Gartner-eigenen Nutzertypen von Social Media in Unternehmen im Schnelldurchlauf:

4. Die Gruppe mit festen Social-Media-Aufgaben. Diese brauchen aus meiner Sicht nicht eine erweiterte Social-Media-Regelung, sondern bei gleicher Regel vielmehr eine schriftlich angepasste Stellenbeschreibung sowie Verhaltens-Kodex, Netiquette, Glossar und Arbeitshandbuch mit ganz praktischen Empfehlungen, Tipps, Beispielen.

3. Die Gruppe der Ermutigten. Sie dürfen, laut Gartner, dann doch schon ein bisschen mehr als der „Rest“. Obschon es nicht zu ihren beruflichen Aufgaben gehöre, in sozialen Netzwerken aktiv zu sein, sei es ihnen dennoch erlaubt. Ihnen spricht man, wenn ich das richtig interpretiere, mehr Kompetenz zu, sich reputationsfördernd für ihr Unternehmen zu positionieren.

2. Die Neutralen. Während den Übrigen wohl ziemlich wenig zugetraut wird – und damit ist laut Artikel die Mehrheit der Arbeitgeber gemeint (Zitat: „…dass der größte Teil der Belegschaft in den meisten Unternehmen zu dieser Gruppe gehört.“). Denn ihre aktive Mitarbeit sei nicht zu fördern respektive im Fall der Gruppe 1 besser gar zu verhindern.

1. Die Verbotsgruppe. Den Mitarbeitern aus dieser Gruppe würde man abraten oder verbieten, während ihrer Arbeitszeit in Sozialen Netzwerken aktiv zu sein. Jetzt geht es aber noch weiter. Denn dieser Gruppe würde man gemäß Gartner auch in ihrer Freizeit empfehlen, nicht über ihren Job zu sprechen. Für die ersteren kann ich mir noch mit etwas Realitätssinn vorstellen, dass IT-Ausstattung oder Verantwortlichkeit dagegen spräche. Betrachtet man beispielsweise einen Mitarbeiter, der in einer Fabrik Maschinen steuert und dafür (wie im Computerwoche-Artikel erwähnt) seine 100%-ige Aufmerksamkeit benötigt. Oder stellen wir uns das für den Fahrer eines Schulbusses vor, der während der Fahrt auch nicht parallel auf Youtube schielen sollte. Ebenso wird es schwierig für jene Mitarbeiter, für die ein Netzwerkzugang nur beschränkt möglich oder sehr teuer wäre, etwa auf Bohrinseln oder auf einer Expedition.

Aber wer sind jene, die auch während ihrer Privatzeit nicht über Jobliches sprechen dürfen? Wer sollte das sein? Hier weist auch der Computerwoche-Artikel darauf hin, dass der Report keine erhellenden Beispiele parat hat. Lasst uns gemeinsam überlegen, wer das sein könnte:  Mir fallen folgende ein:

Geheimnisträger, Sondereinsatzkommandos, Armee.  Sie alle sollten zugegebenermaßen weder ihren letzten Auftrag auf Facebook diskutieren, noch Videos auf Youtube hochladen oder ihren Aufenthaltsort auf Foursquare publik machen. Obwohl die Briten beispielsweise ja nicht nur James Bond ihr eigene nennen dürfen, sondern auch ihre Soldaten explizit anhalten, über ihren Alltag im Einsatz auf Facebook oder Twitter zu berichten – nur nicht zu kritisch, wie die Entlassung eines US-Soldaten bezeugt, der sich auf Facebook gegen den Präsidenten und ihren obersten Heeresführer offen zu kritisch äußerte. Das ist einzusehen. Aber wer könnte das sonst sein?

Wird hier nicht scharf an der betrieblichen Realität vorbeigedach? Zumindest in Deutschland ?

Muss ich hierfür wirklich eine Verbotsgruppe schaffen, um dieses Verbot explizit zu machen? Wie mündig sollten und dürfen gute Mitarbeiter sein? Wie eng der Maulkorb, den ich als Arbeitgebervertreter umbinden würde? Was ist das für eine Unternehmenskultur, in der man Offenheit und Transparenz so rigoros abriegelt? Funktioniert rein arbeitsrechtlich so ein Verbot überhaupt? Wie bindend sind Social-Media-Regeln? Wie tief darf ich als Arbeitgeber Verbote in einen deutschen Arbeitsvertrag einpflegen, wenn sie sich gegen Aktivitäten in der Freizeit aussprechen?

 

Die technische Betriebsausstattung mag den Zugriff auf externe Webseiten und Social Apps hergeben oder nicht. Damit schafft man bereits Fakten. Aber was ist mit der Tatsache, dass jeder fünfte (oder zehn Mio.) Nutzer bereits mobil ins Internet geht und jeder zweite mobile Surfer als Lieblingsbeschäftigung angibt, von dort Soziale Netzwerke zu besuchen. Aus meiner Perspektive ein blinder Fleck in der hier vorgeschlagenen Struktur.

Dank stetig wachsender Smartphone-Nutzung und immer günstigeren Tarifen wird es auch für den Dreher an der Werkbank nicht weiter schwierig, sein Forum oder auch seine persönliche Facebook-Seite kurz zu aktualisieren. Wozu gibt es Kaffeepausen? Ist es dann nicht privat und kann irgendjemand außerhalb von Personalabteilung, Betriebsrat oder Arbeitsrechtler diese Unterscheidung gültig treffen?

Und damit zur Über-Ebene. Was ist mit allen anderen? Sind nicht weitestgehend alle Arbeitnehmergruppen –zumindest in Deutschland– in der Pflicht, sich gegenüber ihrem Arbeitgeber stets loyal zu verhalten und aus Gründen der Geheimhaltung nicht alles öffentlich zu machen? Und zwar weder am Stammtisch, noch in der Vereinsdusche, noch auf Facebook.

Und gilt statt eines grundsätzlichen Verbotes nicht genau hier viel besser die klare, weil eindeutig Regel, was öffentlich teilbar ist und wo die Schere im Kopf anzusetzen sei?

Wie viel Mündigkeit darf man voraussetzen und wo kann Hilfestellung durch gezielte Regelsetzung mehr Nutzen bieten als pauschale Verbote?

Durchaus, der Gartner-Verfasser der Research, Jeffrey Mann, hat Recht wenn er sagt, es müsse verschiedene Abstufungen existieren, aber die Frage ist doch Abstufungen von was? Nicht Abstufungen von Regeln, sondern von Aktivität in einem Unternehmen…?! Die Frage danach muss lauten, was gibt man den Vorrang? Organigramm oder Mensch? Verbot oder Anleitung?

Als Unternehmen sollte man entsprechend auch bei diesem Thema eine klare Haltung haben und ein gegebenenfalls ausdifferenziertes Angebot bereithalten. Er geht für meine Begriffe aber zu weit, wenn er diese Gruppen von vornherein festlegt und der großen Mehrheit offensichtlich keinen Nutzen für das Unternehmen durch Social Media Aktivität zuspricht. Dabei lässt er außen vor, wie er diese Gruppen identifizieren will und welche Folgen ein transparenter Umgang damit hätte. Was wäre mit Hidden Champions unter den Mitarbeitern, was mit Aufsteigern? Wie rigide oder durchlässig sollte eine Kultur sein, um ein Sprach- und Verhaltenssystemlebendig zu halten? Meine Empfehlung: Unternehmen sollten sich darüber Gedanken machen, welchen Social-Media-Aktivitätsgrad sie grundsätzlich zulassen und welche Materialien sie ihren Mitarbeitern an die Hand geben wollen.

Mein Vision dazu: Wie bei unterschiedlichen Befugnissen, je nach Position und Hierarchie, wird es Social-Media-Regeln für alle geben, technische Freigaben für die einen, Schulungen für die andere – aber die Filter sollten nie so engmaschig gesetzt sein, dass ein privat aktiver, sachkundiger und von Social Media begeisterter Mensch davon abgehalten wird, sich für sein Unternehmen auch bei dem Thema einzusetzen.

Besser also: Nicht viele unterschiedliche, sondern eine verbindliche Social-Media-Regel für alle Mitarbeiter, ohne Ansehen von Funktion, Aufgabe und Stellung. Diese muss knapp und klar formuliert, auf alle anwendbar sein und die Grundlagen dessen stellen, was gewünschtes Verhalten ist, und was nicht. Schließlich ist die Geheimhaltungspflichtauch keine Frage von Rolle und Funktion sondern gilt für Jedermann. Die einzige Gruppe, die mehr Material braucht, und die auch bei Gartner als vierte Gruppe mit festen Social-Media-Aufgaben beschrieben ist, sollte dies auch so in ihrer Stellenbeschreibung ausweisen. Bei den übrigen Mitarbeitern kann man nicht „Top Down“ die Nutzung in der Freizeit verbieten. Nur die Spielregeln müssten eben klar sein: Internes hat immer intern zu bleiben!

Alles Übrige wäre für mich „Overengeneering at it’s best“. Es ist weder zeitgemäß noch entspricht es der Realität der meisten Unternehmen oder der Ansicht der Nutzer. Weil es aber so einfach klingt, sehe ich eine große Gefahr darin lauern, dass viele Unternehmensentscheider das Verbot der Anleitung zum Selbertun vorziehen werden. Weil es so schön einfach scheint und weil es so viel mehr Sicherheit verspricht.

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