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Facebook, Shitstorm und die App – im Duden und in der Mitte der Gesellschaft angekommen

Date Posted: 5 Juli, 2013

„Mit Verlaub, Frau Vorständin: Sie sind ein Vollpfosten, Sie Spacko!“ Eine sehr direkte und mutige Aussage. Könnte zu einer Kündigung führen – mangelhafte Rechtschreibung kann dem Aussagenden aber nicht vorgeworfen werden. Höchstens die enthaltende Doppeldeutigkeit. Das könnt ihr nachschlagen. Wo? In der 26. Auflage der deutschen Rechtschreibbibel – dem Duden. Das gelbe Büchlein gibt es nun als All-in-One-Werk: Buch, App und Software. Das sollten Schreiber im Allgemeinen und Texter im Speziellen kennen. Denn nichts diskreditiert mehr als falsch benutzte oder geschriebene Begriffe, deren Bedeutung man selbst immer wieder aktiv nach außen kommuniziert. Über gutes Deutsch wird dennoch weiter diskutiert…

Der Duden führt den Vollpfosten

Der Duden führt in der 26. Auflage 5.000 neue Begriffe. Diese sind wichtig, um die Sprache der Zielgruppe zu sprechen. Bild: Duden Verlag

Hintergrund: Seit gestern sind Wörter wie „Vollpfosten“ (Substantiv, maskulin – sehr dummer Mensch) oder das fortan als Synonym zu verwendende „Spacko“ (ebenfalls Substantiv, maskulin – sehr dummer Mensch), im Duden zu finden. Genau wie 4.998 andere Wörter. Das sind rund 1.000 Wörter, die seit 2009 pro Jahr hinzukamen. Im Schnitt sind das 2,7 Wörter pro Tag. Ein Beweis, wie lebendig Sprache ist. Sie verändert sich ständig – Menschen, die in Kommunikationsberufen tätig sind, sollten das verinnerlichen und annehmen. Die Neu-Aufnahmen in den Duden sind immer auch ein Spiegel der Zeit. Man muss kein Hellseher sein, um anhand von Neu-Begriffen wie „Shitstorm“, „Facebook“, „App“, „Social Media“ oder „Schuldenbremse“ zu erraten, was unsere Gesellschaft in den vergangenen fünf Jahren beschäftigte. Zudem handelt es sich um den ultimativen Beweis: Facebook, Shitstorm oder Apps sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Das zu ignorieren, wäre grundfalsch und gefährlich – vor allem für Menschen, die kommunizieren wollen.

Neologismen zeigen Trends

Sprachkonservative mögen das weiterhin kritisieren. Die Frage, warum denn unbedingt „Social Media“ statt der direkten deutschen Übersetzung „soziale Medien“ genutzt werden muss, wird bleiben. Kleiner Denkabstoß in Richtung selbsternannter Sprachpäpste: Wer konsequent von „sozialen Medien“ spricht, wird irgendwann für eine Publikation der Caritas oder des Roten Kreuz‘ gehalten. „Social Media“ umreißt das Gemeinte deutlicher – immerhin braucht der Duden 22 Wörter, um die Bedeutung zu erklären: „Gesamtheit der digitalen Technologien und Medien wie Weblogs, Wikis, soziale Netzwerke u.?Ä., über die Nutzerinnen und Nutzer miteinander kommunizieren und Inhalte austauschen können“.

Neue Wörter im Duden – alles Anglizismen?

Schaue ich mir die in den Medien kolportierten Neu-Zugänge so an, könnte ich tatsächlich den Eindruck gewinnen, „neue deutsche Wörter“ seien in Wahrheit verkappte oder weniger verkappte Anglizismen. Die versuche ich im Übrigen ebenfalls zu vermeiden – vor allem, wenn ich mir anschaue, was „in der Social Media“ so getrieben wird. Da werden Bilder mit „Me and mein Vater“ betitelt.  „Ich bin nun worken“ ist eine gängige Abschiedsformel. Von dieser Phrase existiert eine schlimmstmögliche Steigerung: „Gehe jetzt @Wörk“. Kaum jemand erhebt Einspruch, im Gegenteil: Oft gibt’s dafür noch ein „Like“. Freilich: Wer PR macht, der kommuniziert (am besten mit der Zielgruppe). Und Kommunikation muss verständlich sein. Die Sprache der Zielgruppe zu sprechen, ist unabdinglich – sprachlich albern zu werden, hingegen unnötig. Natürlich kann Jugendsprache oder Szene-Slang genutzt werden. Für Anglizismen gilt dasselbe, was auch für Fremdworte gilt: Sind sie präziser, sind sie durchaus sinnvoll.

Auch „Facebook“, „Shitstorm“ und „App“ stehen nun im Duden. Der Beweis: Social Media ist in der Wahrnehmung aller angekommen. Bild: Duden Verlag

Bitte keine Sprachpanscherei!

Doch gerade in der PR und im Marketing wird viel Sprachpanscherei betrieben. Oftmals reines Imponiergehabe. In der Regel aber immer „strategisch“, „analytisch“ und maximal „operativ“ – keine Frage. Okay, entschuldigt diese kleine Speerspitze gegen die eigene Branche. Doch hier  wird ständig etwas „announced“, „gescannt“ oder „gebrieft“. Es wird über zu wenig „Manpower“ geklagt und vom „Worst Case“ gesprochen.  Das liest sich manchmal so: „Aufgrund zu geringer Manpower wurde das Feature zwar announced, aber noch nicht releast. Das Update downloaden Sie bitte vom Server.“

Natürlich hat die deutsche Sprache in den vergangenen fünf Jahren nicht nur englische Einwanderer aufgenommen.  „Liebesschloss“ steht nun ebenfalls im Duden. Ein wunderschönes Wort, das zwar kein rot gestrichenes Neuschwanstein beschreibt, dafür aber jene Vorhängeschlösser, die mir zuletzt auf der Kölner Hohenzollernbrücke auffielen. Der Brauch, den Namen zweier sich Liebender auf ein Vorhängeschloss zu gravieren und dieses an einem öffentlichen Ort zu schließen, bietet hervorragende Analogien. Denn den Schlüssel für diese Schlösser wirft man weg – die beiden Namen sind auf ewig miteinander verbunden.

So wie der Duden und die deutsche Sprache.

 

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