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Facebook als Vermessungs-Tool

Date Posted: 30 April, 2013

Stephen Wolfram gab Spiegel Online ein interessantes Interview. Über Facebook. Eigentlich, so könnte man meinen, eines von vielen mehr oder minder interessanten Gesprächen über Zuckerbergs Netzwerk – wäre Stephen Wolfram nicht Mathematiker und Physiker.

Jetzt kommt das Brisante: Wolfram erzählt von einer Technologie, die alltägliche Sprache entschlüsseln kann. Nur er und seine Leute könnten mit dieser Technologie arbeiten. Die mache es möglich, zu ergründen, über welche Themen die Menschen auf Facebook reden. Bisher war eigentlich nur seine Erfindung Wolfram Alpha bekannt, die auf Wunsch das eigene Facebook-Profil analytisch aufschlüsselt.  Das scheint aber nur Spielerei gewesen zu sein. Zitat Wolfram:

„Ja, weil wir eine Technologie zum Verständnis natürlicher Sprache haben. Wir trainieren eine Klassifikationssoftware für natürliche Sprache mit großen Textmengen. Diese Technologie haben wir noch nicht veröffentlicht. Wir dürfen vor dem Rest der Welt damit arbeiten. Wenn jemand zum Beispiel das Wort „Film“ in einem Posting benutzt, ist es ziemlich wahrscheinlich, dass er über Filme spricht.“

Bei Datenschutzverschwörern schrillen alle Alarmglocken und noch mehr.

Stehpen Wolfram gilt als Genie. Er erfand die Suchmaschine Wolfram Alpha.
Bild: wildcard communications

Aber nicht nur den Datenschützern wird das Interview mit Wolfram schwer im Magen liegen. Denn der Physiker und Mathematiker leitet aus den durch Algorithmen erzielten Statistiken sozialwissenschaftliche Erkenntnisse ab. Eigentlich ebenfalls nichts Weltbewegendes, wie „je älter die Menschen sind, desto höher wird der Anteil der Verheirateten“ oder auch, dass je älter die Menschen sind, desto häufiger reden sie über das Wetter. Explosiver ist das, was auch schon in der Überschrift steht: „Menschen sind vorhersagbarer als Elementarteilchen“.

Sofort entsteht das Bild von Millionen kleinen Menschen, die sich im in einem riesigen Forschungslabor namens Facebook befinden und bis auf die 20. Nachkommastelle berechenbar sind. Diese Berechenbarkeit zerstört vollends das Selbstbildnis des menschlichen Individuums.  So schlittern wir in der Diskussion schnell von der Physik in die Sozialwissenschaft und von dort direkt in die Philosophie.

Facebook-Gegnern liefert das Interview Munition, da Wolfram in seiner Funktion als Physiker – der die Welt gerne in Zahlen erklären möchte – erstmals wirkliches Interesse an Sozialwissenschaften zeigt. Ergo trägt Facebook ja dann doch dazu bei, alles und jeden in seinem Verhalten berechenbar zu machen, was wiederum in der totalen Überwachung endet – so die Argumentation der Facebook-Gegner in diversen Foren. Mancher dürfte dabei schon den Menschen in Behältnissen liegen sehen, die auf den großen Retter namens Neo im schwarzen Ledermantel warten.

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