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Evolution des DJing – von Vinyl bis Digital DJing

Date Posted: 11 April, 2013

Heute etwas zum Thema Digital DJing: Gestern startete in Frankfurt die Musikmesse. Tausende Protagonisten der internationalen Musikszene treffen sich aktuell am Main. Traditionell bietet die Frankfurter Musikmesse auch einen starken DJing-Bereich. Und dort wird sie wieder diskutiert werden: die Frage, ob die DJ-Kunst im Digitalzeitalter überhaupt noch gegeben ist. Ich selbst habe sie schon oft führen müssen: die Debatte, ob DJing per Konsole noch wirkliches DJing ist. Sie Diskussion ebbt zwar ab, aber ich treffe sie immer wieder, die Plattendreher, die behaupten, eine Konsole an einen Computer anzuschließen, sei Spielerei. Digital aufzulegen, das könne schließlich jeder. Ich bin da anderer Meinung. Und ich habe beide Seiten kennengelernt: DJing per Vinyl in den 90ern. DJing per Timecode-Vinyl in den Nullerjahren. Und seit drei Jahren auch Digital DJing an der Konsole. Auch eines der deutschen DJ-Urgesteine, Tanith, schrieb schon im Juni 2011 im Magazin Keys über seinen Umstieg und die Vorteile des digitalen DJing.

Als ich mit dem DJing begann, wühlte ich mich an den Wochenenden durch dicke Plattenstapel. Läden wie das Delirium in Frankfurt, Downtown Records in Gießen oder Stylus in Friedberg haben an mir viel Geld verdient. Oft  ärgerte ich mich, dass eine 12“ eines gewissen Tracks schon ausverkauft war. Heute kaufe ich vom Rechner aus. Etwa auf Beatport. Leere Regale unmöglich. Das Angebot ist jetzt noch reichhaltiger. Durch die Digitalisierung vereinfachen sich Produktionen, Kreativität ist unproblematischer umgesetzt. So hat sich nicht nur der DJ-Markt und alle dazugehörigen Komponenten demokratisiert, sondern das Musikbusiness im Allgemeinen. Das Thema ist auch Gegenstand diverser wissenschaftlicher Arbeiten.

Digital DJing belebte den Markt

Digitale DJ-Controller gibt es in allen Preisklassen. Der Markt wächst. Sich durchzusetzen, ist schwer.
Bild: Hercules

Jetzt bin ich diesem Bereich auch beruflich tätig und schätze an dieser Entwicklung, dass die Digitalisierung den DJ-Markt neu belebte und erweiterte. Bis weit in die 90er hinein war der Markt für DJ-Equipment recht starr: Zum Technics-Plattenspieler gab es qualitativ keine Alternative. Im Mischpultmarkt war mehr Bewegung. Mit Denon und Pioneer konnten die einstigen Marktführer auch erfolgreich ins digitale Zeitalter übersiedeln. Durch die DJ-Konsolen, die mehr und mehr die CD-Spieler von den Club-Pulten verdrängen, wurde der Hardwaremarkt breiter. Während sich der DJ-Softwaremarkt mehr und mehr zwischen Native Instruments (Traktor) und Serato (Scratch) aufteilt, ist der Controllermarkt noch sehr offen. Hercules, Pioneer, Vestax, American Audio oder Numark spielen mit. Bisher ist nur eines eindeutig: Die Konsole gehört an ein MacBook. Apple ist einer der großen Gewinner.

Aber zurück zur DJ-Praxis: Auf das rein Handwerkliche am DJ-Tum bezogen, haben die Kritiker natürlich nicht unrecht. Es stimmt – müssen DJs, die noch mit Vinyl-Platte und dem legendären Technics SL-1210 auflegen, die zwei Songs per Hand anschieben und die Platten per Gehör angleichen (Beatmatching), „drückt der Digital-DJ die Sync-Knöpfe“ und schon laufen die beiden Tracks synchron. Derlei Analysen treffen aber nur auf DJing zu, das im klassischen Sinne betrieben wird. Dabei wird einfach die klassische Variante auf die moderne Technik übertragen – ein Fehler, denn Digital DJing ist in Vollendung „Controllerism„. Und hier ist Beatmachting eigentlich nicht mehr notwendig.

Record Art – auch heute noch

Klassisches DJing, also die Kunst aus zwei Songs einen neuen zu mixen, während die Menschen auf der Tanzfläche gar nicht merken, dass ein Song endet und der andere beginnt, hatte schon immer das Ziel, Neues aus Altem zu formen. DJ Westbam verfasste schon 1985 einen Aufsatz Namens „Record Art“, der bis heute gültig beschreibt, was DJing im Kern eigentlich ist: Record Art ist, kurz gesagt, ein Komponieren neuer Stücke anhand vorhandener Platten. […] Die Methoden der Record Art sind: 

  • –          das Mixen (Übereinander laufen lassen von Platten)
  • –          das Cutten (Aneinanderschneiden von Platten)
  • –          und, nicht zuletzt, das berühmt-berüchtigte „Scratchen“ (das sich allerdings einer kurzen, griffigen Definition sperrt): Keineswegs ist es nur das rhythmische Hin- und Herwackeln,zu dem es von seinen ignoranten Kritikern gemacht und von deutschen Dilettanten Disc Jockeys zugerichtet wurde (Zitat eines wirklich großen Scratchers Grandmixer DST: „They are really ruining scratching!“). 

All das – und mehr – ist im Digital-Zeitalter auch möglich.

Nahezu alle Hersteller von DJ-Equipment versuchen im Controllermarkt Fuß zu fassen. Mit der RMX2 gelang Hercules ein Erfolg.
Bild: Hercules

Erstaunlicherweise findet man die größten Gegner digitalen DJings im Umfeld der elektronischen Tanzmusik. Also jener Branche, die der Entwicklungsantrieb für neue DJ-Produkte ist. Doch genau hier wurde er vollzogen, der Wechsel von Plattenspieler und Mischpult hin zu Software und Controller. Da zitiere ich gerne noch mal Westbam, der auf seiner Homepage passend schreibt:

Tatsächlich hat das digitale DJing die DJ-Kultur umgewälzt wie keine andere Entwicklung in der Geschichte. Das DJ-Spiel hat sich vollkommen verändert. Merkmale wie die Musikselektion müssen ganz anders gewertet werden, wenn durch das Internet z.B. selbst im hintersten Winkel Kasachstans DJs genau auf die gleiche Musikauswahl zurückgreifen können. Aber auf der anderen Seite ist eins gleich geblieben: Man muss wissen, wie und mit welchen Mitteln man einen Laden rocken kann. Das ist die Konstante!

Dennoch: Oftmals wird so getan, als hätte der Rave 1990 – als es hierzulande mit elektronischer Tanzmusik so richtig losging – die Vinylpressung erfunden. Ich bin mir sicher, hätte es 1990 DJ-Software wie Traktor, Serato oder Torq gegeben – meine DJ-Helden von damals hätten es genutzt. Denn elektronische Tanzmusik ist und war nicht nur Musik, sondern auch Offenheit gegenüber neuer Technologie. Techno vs. handgemachte Musik war vor 20 Jahren dieselbe Diskussion, wie heute Vinyl vs. Digital. Richie Hawtin, einer der ganz großen im Business und intensiver Verfechter digitalen DJings, musste schon den einen oder anderen Shitstorm zum Thema über sich ergehen lassen. Wer sich vehement gegen die Entwicklung stellt, sollte sich folgende geschichtliche Punkte in Erinnerung rufen:

  • Als Platten an sich aufkamen, riefen Musiker den Tod des Live-Musikers aus. Musik auf Datenträgern wurde als Konservenmusik verspottet. Wer behauptet heute so was noch?
  • Als man eine Gitarre an eine Steckdose anschloss, musste man angeblich nicht mehr Gitarre spielen können, um dem Instrument Musik zu entlocken. Wer behauptet heute so was noch?
  • Als mit Maschinen Musik gemacht wurde, motzen die Leute mit Holzinstrumenten über jene Anti-Musiker. Wer will heute behaupten, Kraftwerk seien Anti-Musiker?
Ein großer Vorteil des DJ-Controllers: Plattentragen ist nicht mehr nötig.
Bild: Hercules

Reines Vinyl-DJing wird zukünftig einen Stand haben, wie das akustische Gitarrenspiel heute – es wird viele Liebhaber behalten. Oder wie es Cord Henning Labuhn von Robosonic in seiner Bachelor-Arbeit von 2012 so wissenschaftlich beschreibt:

„Zur subkulturellen Distinktion eignet sich die Benutzung von digitaler Technik wegen ihrer gesellschaftlichen Verbreitung weniger gut, und so ist davon auszugehen, dass sich in einer schrumpfenden Gruppe von Verfechtern des analogen DJing der Vinyl-Kult noch zuspitzt.“

Die Diskussion wurde also nicht zum letzten Mal geführt.

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