News & views

Die mediale Eile – kicker beweist Mut

Date Posted: 6 Juni, 2014
Bild: Olympia-Verlag GmbH

Kennen Sie die Abkürzung „asap“? Ihre Chancen steigen, wenn Sie ein Digital Native oder in der Medienbranche beschäftigt sind. Auch Angestellte des US-Militärs kennen den Begriff. Die Abkürzung steht für „as soon as possible“ – auf Deutsch „sobald wie möglich“. Klingt milde? Das täuscht. Die Bedeutung ist eine andere. Durch schrumpfende Redaktionen und schärfstem Wettbewerb ist „asap“ in den drei genannten Lebenswelten mit „sofort“ gleichzusetzen. Mit Ausrufezeichen, versteht sich. „asap“ ist die Versinnbildlichung einer medialen Epoche, in der Zeit zum höchsten Gut wurde. Medien als auch Informationslieferanten kämpfen gegen ein Deadline-Stakkato an, das manchmal kuriose Züge trägt. Aktuelles Beispiel: Schon im Februar lagen die ersten Sonderhefte zur WM 2014 aus. Nikolaus Brender nannte das in der Berliner Zeitung mal „Turbo-Journalismus“.

Der kicker wartet bis zuletzt

Letzte Woche kaufte ich das kicker-Sonderheft WM 2014. Knapp zwei Wochen vor Turnierbeginn reichlich knapp, mag man denken. Ich sehe das anders. Jean-Julien Beer, einer der beiden kicker-Chefredakteure auch. Im Editorial spricht er die Kuriosität der medialen Eile an und verdient sich damit meinen Respekt. Auch er wunderte sich, dass manch ein Verlag schon im Februar WM-Sonderhefte in die Regale legte. Zu dieser Zeit existierte mancher Kader noch nicht mal in Gedanken. Beer fühlt sich an Lebkuchen im Sommer erinnert. Ein passender Vergleich.

Beer betont, man habe sich bewusst wieder für den späten Erscheinungstermin entschieden, um die bewährte kicker-Qualität bieten zu können. Meine fünf Euro hat sich der kicker somit verdient. Okay, auch im kicker-Sonderheft sind noch Mustafi, Schmelzer und Volland im Kader, doch gerade mit der Streichung der letzten zwei konnte man nicht unbedingt rechnen – der Rest des Heftes bietet tatsächlich die Qualität, die ich mir versprochen habe. Es dauert eben, bis ein weltweites Korrespondentennetzwerk die Details zu den 31 Mannschaften recherchiert hat. Was jetzt noch an Infos fehlt, das hole ich mir über Apps.

Aber was verleitet Unternehmen im Allgemeinen und Verlage in diesem Fall im Speziellen dazu, Hefte zu Zeitpunkten in den Handel zu bringen, die unmöglich handfeste Informationen zu Teams und Turnier beinhalten können? Eigentlich lässt sich ein solches Handeln nur so erklären: Die jeweiligen Redaktionen versuchen eher am Markt zu sein als die Konkurrenz. Der Grundgedanke ist gut und für das wirtschaftliche Überleben notwendig. Denn längst fressen nicht bloß die Großen die Kleinen, sondern auch die Schnellen die Langsamen. Die Käufer haben in den Jahren der Digitalisierung allerdings gelernt, dass der zeitliche Vorsprung oft mit mangelnder Qualität einhergeht. Seichtheit soll fehlende Informationen übertünchen. Diesem rasanten Zeitdruck setzen sich die Medien oftmals selbst aus. Aber natürlich: Als Medium darf die Chefredaktion natürlich nicht die Nerven verlieren, wenn Konkurrent um Konkurrent Hefte lange vor dem eigenen Blatt in die Läden stellt.

Die Leiden der Early Adopter

„Wer früh kauft, kauft doppelt“ – vor allem für Technik gilt diese Erkenntnis. Unausgereift, verbuggt, teuer. Im Falle der Xbox One dürfen Spieler jetzt sogar die Konsole ohne Kinect kaufen. Manch Early Adopter nimmt diese Mängel in Kauf. Das muss jeder selbst entscheiden. Auch bei Informationsprodukten muss der Käufer wissen, wann er zuschlagen kann. Mag der Impuls auch noch so stark sein, Informationen so früh wie möglich zu haben – wenn es am Ende gehaltloses Geschwafel – oder schlimmer – falsche Informationen sind, ist niemandem geholfen. Ich warte lieber und nehme mit meinem Verhalten ein kleines bisschen Geschwindigkeit aus dem sich immer schneller drehenden Informationskarussell heraus.

Von daher: Schnell, schnell – das sollte die nächsten vier Wochen nur für das Umschaltspiel der deutschen Nationalmannschaft gelten.

Share this
arrow_upward