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Die Kommentarkultur im Netz

Date Posted: 17 September, 2014
©alphaspirit - Fotolia.com
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Vor knapp zwei Wochen entschied sich der populärste Videospiel-YouTuber PewDiePie, zukünftig die Kommentarfunktion unter seinen Videos abzuschalten. Der Schwede, der mit mehr als 30 Millionen Abonnenten ein einmaliges Phänomen der Branche ist, konnte die Vielzahl bösartiger und provokanter Kommentare nicht mehr ertragen und setzte dem Ganzen ein Ende. Die Kommentarkultur ist allerdings nicht nur auf YouTube seit längerer Zeit problematisch, sondern fast überall im Netz.

Don’t feed the Troll

Seit Jahren gibt es zahlreiche Memes, die die Kommentarkultur im Internet auf den Arm nehmen. Trolle werden Nutzer genannt, die gezielt Dinge falsch verstehen, Aussagen verdrehen und aggressive Kommentare schreiben, um Menschen zu provozieren. Webseitenbetreiber stehen dabei vor einer schwierigen Situation: auf der einen Seite sucht man den Dialog und die Diskussion mit Lesern, auf der anderen Seite gibt es zu jedem Thema Kommentatoren, die einzig und allein destruktive Inhalte von sich geben und andere Nutzer veralbern oder beleidigen. Zudem bietet das Internet immer Raum für Missverständnisse: Ironie oder Sarkasmus sind aus geschriebenen Worten nur selten klar abzuleiten.

Ein anderes Phänomen, das ebenfalls in der Videospielbranche immer wieder vorkommt, ist der scheinbare Verlust der Fähigkeit konstruktiv Kritik zu äußern. Anita Sarkeesian, eine amerikanische Medienkritikerin startete 2012 das Kickstarter-Projekt „Tropes vs. Women in Video Games“, das statt der gewünschten 6,000 Dollar mehr als 150.000 Dollar Unterstützung bekam. Schon damals hagelte es auf Kommentarspalten einschlägiger Videospielwebseiten und sozialen Kanälen wüste sexistische und persönliche Beleidigungen. Vor einigen Wochen erreichte der ständig währende Shitstorm gegen Sarkeesian einen traurigen Höhepunkt, als ein Nutzer auf Twitter ihre Adresse veröffentlichte und wiederholt Todes- und Vergewaltigungsdrohungen gegen sie aussprach.

Ein Problem der Plattformen?

Doch noch hat weder eine Webseite, noch ein soziales Netzwerk einen zufriedenstellenden Weg gefunden, solchen Situationen Herr zu werden. Die Moderation von Mitarbeitern einer Seite dauert nicht nur lange, sondern ist gerade auf Webseiten mit riesiger Nutzeranzahl wie YouTube kaum realisierbar. Ähnliches gilt für Netzwerke wie Twitter, die darauf basieren, dass sie schnell und ungefiltert Inhalte auf die Welt loslassen. Diese Dynamik hat Twitter so erfolgreich und groß gemacht. Selbstverständlich haben Nutzer, die beleidigt werden, die Möglichkeit dies bei der jeweiligen Plattform zu melden. Ob und wie da reagiert wird, ist bisher aber noch kaum belegt.

Einige Webseitenbetreiber wie Focus oder Huffington Post bestehen daher seit längerer Zeit schon auf Klarnamenpflicht, um Leser davon abzuhalten beleidigend zu werden. Doch mit dem Klarnamenzwang wiederum sind viele Internetnutzer nicht einverstanden. Erst kürzlich schaffte Google Plus genau das wieder ab. Kritik gab es damals aber vor allem, da dieser Schritt Google noch mehr Einsicht in die Privatsphäre der Nutzer gewährte – viele Kritiker vermuteten, dass der Konzern vor allem Nutzerdatenanalyse und effektivere Werbevermarktungen damit erreichen wollte. Ein Großteil von Webseiten verzichtet auf einen solchen Zwang. Zum einem gibt es kaum Möglichkeiten, Klarnamen automatisch zu verifizieren und zum anderen schreckt dieser Zwang möglichweise viele potentielle Kommentatoren ab.

Die perfekte Lösung

Doch wie kann man die Kommentarkultur auf seiner eigenen Webseite ändern? Sollte man Kommentare gar abschalten oder erst nach Prüfung freigeben? Ist eine Klarnamenpflicht die Lösung für aggressives Verhalten in Foren und Kommentarspalten? Eine garantierte Erfolgsstrategie gibt es bisher noch nicht. Es gibt keine „Internetpolizei“, allerdings ist das Netz auch bei kein rechtsfreier Raum. Cybermobbing und –bullying sind in den letzten Jahren nicht ohne Grund immer wieder Thema auf Webseiten und sozialen Netzwerken. Das Abschalten von Kommentaren ist allerdings auch keine optimale Lösung, schließt sie doch von vornherein jegliche Interaktivität aus. Interaktivität prägte das Internet schon immer und eröffnet Möglichkeiten zu weltweiten Diskussionen. Doch es muss klare Verhaltensregeln geben, die auf großen Plattformen durchgesetzt werden. Das Sperren beleidigender Kommentare hat nichts mit Zensur zu tun, sondern hilft langfristig eine Kommentarkultur zu etablieren, bei der sich Menschen auf Augenhöhe unterhalten, bei bestimmten Themen möglicherweise auch streiten können. Wahrscheinlich würde vor allem stärkere und genauere Moderation helfen. Wer weiß, vielleicht hätte PewDiePie noch immer Spaß an den Kommentaren und der Interaktivität des Mediums, wenn Google im Kommentarbereich von YouTube härter durchgreifen würde. Vielleicht ist dieser Schritt aber auch der Stein des Anstoßes für eine zukünftig bessere Moderation des Kommentarbereiches. Damit es nicht nur heißt: Kommentare ganz oder gar nicht.

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