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Der Second Screen und das ZDF

Date Posted: 30 Mai, 2014
Bild: ZDF

Phänomen Second Screen – es ist zuweilen erstaunlich, wie sich meine TV-Sehgewohnheiten verändert haben. Während viele meiner Kollegen zugeben, kein klassisches Fernsehen mehr zu konsumieren, ist es bei mir anders. Ich schaue tatsächlich noch TV. Sogar öffentlich-rechtliches. Allerdings haben sich meine Gewohnheiten verändert. Früher hantierte ich nur mit Getränk und Knabberwerk – jetzt sind Handy und Tablet fester Bestandteil eines typischen Fernsehabends.  Hier wollen mich die Sender abholen – einen Anfang wagte das ZDF mit dem Film APP.

Ging der Plan auf? Jein. Der Social-Media-Buzz zu APP deckt sich mit meinem Eindruck: Technik – gut. Film – naja. Aber der Reihe nach. Was war da los? Der niederländische Film APP setzt wie keiner zuvor auf eine Integration einer speziell programmierten App. Diese mussten sich die Zuschauer im Vorfeld auf das Smartphone laden. Was brachte diese App? Sie erweitere den Film um neue Kameraeinstellungen oder um Chats, die den Zuschauer den Hauptdarstellern immer ein Stück voraus sein ließen. Der Clou: Anhand von Audiosignalen erkannte die App, an welcher Stelle der Film sich befand und ermöglichte so Zugang zu den entsprechenden App-Inhalten. Das sind tolle Ideen und eine Technik, die wirklich gut funktionierte.  Mich erinnerte das allerdings eher an das Bonus-Material einer Blu-ray. Dieses Angebot entspricht nicht meiner Second Screen-Nutzung. Diese setzt nämlich größtenteils auf die soziale Interaktion mit anderen Nutzern zur Überbrückung langweiliger Werbeblöcke. Das war bei APP nicht möglich bzw. nicht nötig. Die wirklich interaktive Second-Screen-Nutzung während des Films fand dann tatsächlich auf den üblichen Kanälen statt: Facebook und Twitter. Da war einiges los.

Second Screen ist Freiheit – nicht Bindung

Es ist ein Irrglaube der Sender, die Second-Screen-Nutzung steuern oder gar kanalisieren zu können. Der große Vorteil der klassischen Second-Screen-Nutzung liegt darin, sich einen individuell definierten Abstand vom Programm zu gönnen. Bin ich wieder an ein passendes Angebot des jeweiligen TV-Inhaltes gebunden, entspricht das nicht dieser individuellen Integration meines Smartphones in den TV-Abend. Es ist lediglich eine reglementierte Erweiterung des TV-Angebotes, die versucht, mich in diesem Kosmos zu halten.

Es kann aber auch sein, dass der Film-Inhalt einfach zu mau war. Ein bisschen verschroben, ein bisschen wirr und viel erhobener Zeigefinger. Da installiert sich eine App namens Iris (lest das mal rückwärts) auf dem Smartphone der Protagonistin und richtet nach anfangs vermeintlich Positivem viel Unheil an. Wie ein Blutegel beißt sich die App im System fest und beeinflusst die Geschicke der handelnden Personen. Übertragen lässt sich das durchaus als allgemeine Kritik am App-Wahn deuten. Auch bei anderen Usern kam der Film nicht ganz so gut weg. Passende Beispiele gibt es hier und  hier.

Technik für Videogames

Allerdings sollten sich die Hersteller von Videospielen die hinter APP steckende Technik einmal näher anschauen. Seit geraumer Zeit wird in Games versucht, Smartphones oder Tablets zu integrieren. Nintendo versuchte es sogar mit einem Tablet-Controller. Wirklich erfolgreich war bisher keiner dieser Ansätze. Denn auch hier wirken viele Konzepte aufgesetzt und sind nach einer gewissen Zeit eher störend denn nützlich. Der eingeschlagene interaktive Weg des ZDF verläuft zumindest bisher erfolgreicher als der der ARD – vor allem technisch. Während dort die Game-Show vor allem an der desolaten technischen Realisierung scheiterte, hapert es beim ZDF eher am Inhalt. Aber das Ganze ist ja auch ein Stück Neuland für Fernseh-Verantwortliche. Vielleicht schafft es demnächst ja ein Sender, auf beiden Seiten zu überzeugen.

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