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Das Jugendwort des Jahres 2014 – Läuft bei dir

Date Posted: 28 November, 2014
© Marco2811 - Fotolia.com
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Sprache definiert sich aus vielen verschiedenen Regeln und Einflüssen. Besonders die Alltagssprache ist durchdrungen von lockeren Begrifflichkeiten und Formulierungen, die man im normalen Miteinander in aller Regel gut versteht. Ein besonderer Bereich ist dabei die Jugendsprache, da diese häufig von Begriffen geprägt wird, die man in der Erwachsenenwelt selten zu hören bekommt. Seit einigen Jahren kürt der Langenscheidt Verlag nun schon das Jugendwort des Jahres und sorgt dabei mitunter für Überraschungen oder stiftet gar Verwirrung. Wir möchten einen Blick auf die diesjährige Wahl werfen und auch die vergangenen Jahre mit einbeziehen, um eine Tendenz aufzuzeigen, die einen schmalen Grat zwischen wirklich benutzten Wörtern und übertrieben Begriffen beinhaltet.

Freie Wahlen

„Läuft bei dir“ – darauf einigte sich die Jury bei der Wahl zum Jugendwort des Jahres 2014. Eigentlich handelt es sich dabei auch nicht um ein Wort, sondern um einen Satz mit unklarer Zeichensetzung am Ende. Weitere Kandidaten um den Titel waren „Gönn dir!“, „Hayvan“ (Türkisch für Freund/Muskelpaket), „Selfie“ oder „Senfautomat“ (Synonym für Klugscheißer). Das dahinterstehende Wahlsystem ist denkbar einfach: Worte können von jedem eingereicht werde, Jugendliche stimmen online über ihre Favoriten ab und eine Jury wählt aus diesen schließlich das Wort des Jahres. Die Fehlerhaftigkeit dieses System ist auf den ersten Blick erkennbar. In einer Zeit, in der das Internet-Trolling gerade unter Jugendlichen zur Normalität und sogar zum Trend gehört, mutet es sehr ironisch an, wenn gerade die Wahl zum Jugendwort des Jahres zur neuen Troll-Plattform wird. Entsprechende Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten und so wurden die ersten beiden Plätze der Wahl von gänzlich anderen Kreationen belegt, die aufgrund von Obszönität trotz großer Wahlmehrheit gestrichen wurden.

Die Krux

Doch wodurch entstand diese Wahlmehrheit? Wieso wählen Jugendliche zu einem großen Teil ein Wort, das ganz klar obszön ist? Ich sehe drei Gründe, die dies belegen können. Die erste und offensichtlichste Möglichkeit ist Provokation bzw. Sabotage. Warum machen Jugendliche das? Weil ihnen das Internet die Möglichkeit dazu bietet. Dort kann sich jeder aufhalten und bis zu einem hohen Grad in der Anonymität bleibend das ausleben, was man im wirklichen Leben nicht darf, Trollen inklusive. Doch damit wäre die Antwort zu einfach gestaltet und nicht ausreichend umfasst. Denn ein weiteres Kennzeichen von Jugend ist die Meinung, dass Erwachsene sowieso nicht verstehen, wie wirklich geredet wird und was im Trend liegt. Umso schwerer fällt ihnen die Repräsentation ihrer Sprache durch eine solche Wahl anzuerkennen, die am Ende von einer erwachsenen Jury durchgeführt wird. Aus Sicht eines Jugendlichen ist die „Vorwahl“ dann auch nur Hohn, wenn am Ende jemand anderes entscheidet. Gerade im sprachlichen Bereich und in der Entscheidungsfreiheit möchten Jugendliche ernst genommen werden und sind es im Internet gewohnt, alles offen zu haben und nicht bevormundet zu werden. In den vergangenen Jahren gewannen Begriffe wie „Babo“, „Yolo“, „Swag“ oder auch „Gammelfleischparty“. Bis auf den Begriff „Yolo“, das allerdings mehr ein Trendwort an sich ist, vollkommen unbrauchbare Begriffe, die nur schwer als zentraler Schulhofslang benutzt werden. Bei „Läuft bei dir“ sieht die Situation ähnlich aus. An dieser Stelle kommt auch die eben genannte absichtliche Sabotage wieder ins Spiel, die auch als provokanter Test gesehen werden kann.

Kommunikation zwischen Generationen

Doch es gibt noch einen weiteren Punkt, der Jugendliche dazu bewegen könnte, für ein solches Wort abzustimmen: Wahrheit. Die Jugendsprache ist alles andere als hochtrabend oder frei von Obszönitäten. Im Gegenteil: Jugendliche haben einen hohen Drang, sich genau auf diese Weise zu unterhalten, ob es den Erwachsenen gefällt oder nicht. Die erwachsene Jury bei der Wahl fand das Ergebnis definitiv nicht ansprechend und strich das Wort heraus. Es bleibt im Raum stehen, ob es sich nun letztlich wirklich nur um heftiges Trollen gehandelt hat oder um erwachsene Bevormundung.

Letztlich läuft es allerdings immer auf ein Kommunikationsproblem zwischen Erwachsenen und Jugendlichen hinaus. Sei es bei einer wackeligen Wahl zum Jugendwort des Jahres, die von einem Troll-Trend im Internet sabotiert wird, oder in der Realität auf dem Schulhof zwischen Schülern und Lehrern. Die Annäherung der Generationen erfordert ein offenes Denken von allen Seiten und keine gezwungenen Elemente, da Kommunikation und Sprache etwas sehr Individuelles und Zwischenmenschliches sind, sobald man die Grundregeln verlässt.

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