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Aus der Rundfunkgebühr wird der Rundfunkbeitrag – alter Wein in neuen Schläuchen?

Date Posted: 18 Januar, 2013

Um diese Frage zu klären, campierte der Dschungel gestern Abend ohne mich. Während Georgina ihre gefühlt zwanzigste Prüfung vergeigte, freute ich mich auf eine nicht minder interessante Schlammschlacht: Im ZDF diskutierte ein illustres Ründchen unter der Zweidrittel-Alliteration  „Gebühren, Quoten, Qualität – sind ZDF und ARD ihr Geld wert?“ über den neuen Rundfunkbeitrag. „Na, schauen wir doch mal“, dachte ich. Ich saß auf der Couch; bei Maybritt Illner der ZDF-Altvordere Thomas Bellut und SPD-Politiker Olaf Scholz. Ihnen gegenüber das mit den Hufen scharrende ÖR-Kritiker-Duo Christoph Keese (Springer) und Hans-Peter Siebenhaar (Handelsblatt). Beide finden den derzeitigen Zustand der öffentlich-rechtlichen Sender eher… suboptimal. Die BILD-Zeitung und das Handelsblatt fuhren in den letzten Wochen einige Attacken gegen die ehemalige „Zwangsgebühr“ und ihre zum Jahreswechsel in Kraft getretene Reform. Was Oliver Pocher in die Sendung verschlug, wurde erst später klar. Dann aber mit verbalem Schmackes.

Aus der Rundfunkgebühr wurde der Rundfunkbeitrag – ein Klassiker vollendeter Kommunikationslehre. Stefan Niggemeier entlarvt in diesem Zusammenhang auch direkt sprachliche Positionierung: ÖR-Gegner tippen gerne mal „Staatsrundfunk“ in ihre Tastatur. Aber natürlich klingt „Beitrag“ versöhnlicher als „Gebühr“. Apropos versöhnlich: Um das neu angestrebte Image nicht vorschnell zu belasten, erteilen ARD und ZDF ehemaligen Schwarzsehern sogar Absolution.

Juhu! Ich spare Geld

Für manchen wird es durch die Reform auch günstiger. Beispielsweise für mich. Ich zog kürzlich aus einem Single- in einen Mehrpersonenhaushalt. Da jetzt pro Haushalt gezahlt wird, können wir uns diese Gebühr teilen. Die Motzerei derjenigen, die partout jegliches ÖR-Programm boykottieren wollen, kann ich allerdings auch verstehen: Selbst wer vom Eigenanbau lebt und maximal gedruckte Bücher liest, muss nun zahlen. 17,98 Euro. Keine Ausreden, nur ein paar Ausnahmen. Jetzt ist nicht mehr die Frage, ob irgendetwas Empfangsbereites herumsteht, sondern ob eine Adresse existiert. Wer schwarz sehen will, muss das nun unter einer Brücke tun.

Für die meisten in der Bundesrepublik lebenden Menschen ändert sich nichts – die wirklich spannende Frage resultiert aber aus diesem Aufhänger: Geht‘s beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk eigentlich noch ökonomisch zu? Akuter wird die Frage, indem das Sümmchen offenbart wird, dass die Rundfunkgebühr ARD und ZDF pro Jahr einbringt: 7,5 Milliarden Euro. Verführt diese Zahl – die eher an das nächste Euro-Rettungspaket denn an die Einnahmen von „für die Demokratie wichtigen“ Rundfunksendern erinnert – zur journalistischen Dekadenz?

Pochers Tabula rasa

„Klar!“, ruft’s vonseiten der Herren Keese und Siebenhaar. „Nö“, kontert Thomas Bellut. Alleine, dass der stets kompetent wirkende Bellut sich der Diskussion und somit der wirklich umfassenden in seinen Kontrahenten gebündelten Kritik aus Volk, Wirtschaft und TV-Verweigerer stellte, ließ ihn mir immer sympathischer werden. Er hielt alle Zahlen bereit, führte gute Argumente an und gab Fehler zu. Punktgewinn auch für Oliver Pocher. Der rächte sich offenbar für seine durch den damals öffentlich-rechtlichen Harald Schmidt erduldete Schmach. Nach diversen Mätzchen wetterte er gegen verschwenderische ÖR-Senderhallen, die Vergötterung Thomas Gottschalks und Schleichwerbung sowie die Gewinnspielpraxis bei Wetten, dass… Bellut lächelte leicht verlegen, Keese zufrieden und Illner entspannt. Das änderte sich schnell als Pocher in puncto Schleichwerbung in Richtung der Gastgeberin ein „Schickes iPad liegt da vor Ihnen“ entweichen ließ und die Trennung zwischen Redaktion und Marketing bei der BILD-Zeitung anzweifelte.

Fazit: Hat dieser kommunikative Schaulauf meine Meinung zum Thema verändert? Jein. Ich habe weiterhin keinen Zweifel daran, dass ARD und ZDF für meine Informationsbeschaffung essenziell sind (schalte ich nachmittags Privatfernsehen an, lerne ich selbst ÖR-Telenovelas zu schätzen), ich zweifel aber daran, dass Reformen gerade bei der ARD nicht nötig wären. Spannend finde ich dabei natürlich, wie sich das Image des Rundfunkbeitrags in der Bevölkerung nach den ersten Monaten gestalten wird, denn schon gehen die ersten Schatten neuer Beitrags-Schnüffler durch die Straßen.

Besser, sie lassen sich nicht sehen. Wer sich hingegen sehen lassen kann, sind die Comics auf der ehemaligen GEZ-Seite.

 

Update: Seitens Wirtschaftsunternehmen  formiert sich immer mehr Widerstand gegen den neuen Rundfunkbeitrag. Wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung am Samstag meldete, hat der Handelsverband HDE ein Gutachten erstellen lassen, das zum Schluss kommt, die Neuregelung sei verfassungswidrig.

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