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Auflage um jeden Preis? Manchmal wird’s dann doch zu teuer.

Date Posted: 21 September, 2012
Newsweek: Muslim Rage
Das Original-Cover der Newsweek

Ich glaube, die Zahl der Redaktionen, die zumindest kurz darüber diskutierten, ob die Ausschreitungen rund um das Mohammed-Schmähvideo irgendwie die Auflage steigern könnten, war in der vergangenen Woche nicht gerade klein. Manche diskutierten das Thema allgemein, andere sehr speziell. Am Beispiel des US-Magazins „Newsweek“ ist bestens zu sehen, dass das Thema die Menschen interessiert. Sicher aus den unterschiedlichsten Beweggründen.

Das Magazin-Cover zeigt unter der Headline „Muslim Rage“ ein recht stereotypes Bild arabischer Männer. Begleitend rief das Magazin seine Leser per Twitter auf, ihre Erfahrungen mit „muslimischer Wut“ mitzuteilen.

Twitter: Muslim Rager
Das Newsweek-Cover, bearbeitet von einem Spötter.

Dass „Religion“ als Thema stark aufgeladen ist, muss jeder Journalist wissen. Doch welche Reaktionen es tatsächlich per Twitter gab, dürfte selbst die „Newsweek“-Profis überrascht haben: das Magazin selbst wird aufs Korn genommen. Mich erinnert das schon ein bisschen an einen Shitstorm. Dabei muss man nun wahrlich kein Social-Media-Profi sein, um zu wissen, dass Kommunikation in Zeiten des Web 2.0 nicht nur noch auf die Zielgruppe beschränkt ist.

Ein Szenario, das dem Satire-Magazin „Titanic“ noch bevorstehen könnte. Die für den 28. September geplante Ausgabe ist schon jetzt in aller Munde: Das Heft soll ein „Islam-Cover“ zieren.

Titanic-Cover
Titanic-Papst-Cover. Ausverkauft, aber nicht verboten. Bild: Titanic

Dabei versucht „Titanic“ zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Die Zeitung „Die Welt“ zitiert Titanic-Chefredakteur Leo Fischer, das Cover zeige „Bettina Wulff in arabischen Umfeld“. Ich finde die Aussage zwar inkonsequent, doch das Heft ist – eine Woche vor seiner Veröffentlichung – auf allen Kanälen präsent. Allerdings wird die Kritik an einem solchen Vorgehen lauter. Ein ähnlicher Fall – wenn auch deutlich brisanter – spielt sich aktuell in Frankreich beim Satire-Magazin „Charlie Hebdo“ ab. Auch dort bemerkte die Redaktion, dass religiöse Karikaturen die Druckerpresse heiß laufen lassen. Wirkliche Satire oder schlicht „Auflage um jeden Preis“? Auch das wird in Medien und in sozialen Netzwerken sehr emotional diskutiert.

Zum Abschluss dann noch ein Beispiel aus der oft absurden Welt des Boulevard: Dass nackte Haut neben Gewalt doch am besten funktioniert, zeigt das Gerangel um die Oben-ohne-Bilder eines gewissen Mitglieds des Britischen Könighauses. Die Queen ist nicht amused, ich hingegen schon. Auch ein bisschen über die Reaktion der Royals: Glauben die wirklich, sie könnten die Bilder von der „Bildfläche klagen“? Vielleicht in Print-Medien. Aber im Netz?

Zusammenfassend würde ich sagen, dass die naheliegende Reaktion auf eine Nachricht nicht immer die beste ist. Ob sich die kurzfristige Auflagensteigerung der Zeitschriften auf Dauer lohnt, ist heute schwer zu sagen. So mancher könnte sich da morgen noch mächtig Ärger einhandeln, oder zumindest das eigene Image stark ankratzen. Manchmal ist der Preis der Auflagensteigerung dann doch zu hoch.

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